Das Potenzial einer demokratischen Selbstreformschule
Wer frei-öffentliche Schulen mit Bertelsmännern verwechselt, hat wenig von der älteren und neueren Reformpädagogik verstanden. Auf den Ruinen einer gescheiterten Staatsschule lässt sich keine demokratische Schule gründen VON CHRISTIAN FÜLLER
Replik auf viele Repliken im Freitag
Ein Text im Freitag löste eine Flut von Repliken aus, die wie üblich die ungerechte Staatsschule vergotten. Das hier ist ein bisschen lang geraten, aber es lohnt sich, glaube ich. ;-)
Ich habe ein paar Tage in diesem Leserblog (des Freitag, cif) geschwiegen, wiewohl ich überwältigt war von der Reaktion auf meinen Text „Lasst die Schulen los!“. Überwältigt von dem Wellenschlag, den das Thema „gute Schule“ immer wieder auslöst. Und zugleich ein wenig ratlos, wie kleinherzig und verstockt Freitagleser neues Lernen diskutieren.
Aber ich will nicht in Vorwürfe gehen, sondern versuchen, positiv zu umreißen, welches enorme emanzipatorische Potenzial in einer entschieden entstaatlichten Schule steckt, die ihre gesellschaftiche Verantwortung endlich wieder wahrnimmt. Denn Schule, darüber sollte unter aufgeklärten Bürgern Einigkeit zu erzielen sein, Schule ist heute immer noch eine Apparatur, die auf Auslese und nicht auf Förderung des einzelnen Kindes zielt; die respektlos über die seelischen Bedürfnisse vieler Kinder hinwegdoziert; die insgesamt ein System organisierter Verantwortunglosigkeit darstellt.
Ich will nur zwei Hinweise geben, die hier bislang kaum Erwähnung fanden, die aber nicht ganz unwichtig sind, um die Effekte der herrschenden Staatschule zu begreifen: Es handelt sich um nichts weniger als eine soziale Katastrophe.
Effekt von Staatsschule: Soziale Katastrophe
Wie kann es, erstens, sein, dass trotz eines völkerrechtlich wirksamen Vertrages (UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen/Kinder) nach wie vor einige Bundesländer es rundweg ablehnen, behinderten Kindern Zugang zum allgemeinen Schulwesen zu geben? Es herrscht, was auch hier viele nicht wissen, hierzulande ein Sonderschulwesen, in das über 400.000 Kinder wegsortiert werden. Teilweise indem sie einer entwürdigenden Begutachtung unterworfen werden, und in dem ihre Lernzuwächse erwiesenermaßen miserabel, teilweise negativ sind.
Und wie kann es, zweitens, sein, dass 10-jährige Kinder in Marienthal-Schulen eingewiesen werden, die beschönigend Hauptschulen heißen, deren „differenzielle Lernmilieus“ aber die Entwicklungschancen dieser Kinder zu urteils- und berufsfähigen Bürgern und Staatsbürgern stark beeinträchtigen. So stark, dass der Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, mehr oder weniger deutlich sagt: solche Hauptschulen muss man eigentlich schließen. Sofort schließen.
Vielleicht rührt die Bitterkeit, die ich im Verlauf der Leser-Blogger-Debatte des Freitag verspürte, auch daher, dass hier mit lässiger Geste zum besten gegeben wurde: „Schulstrukturdebatten führen nicht weiter“. Zu deutsch: die Hauptschule kann bleiben. Und: Die Formel, „Kinder auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit zu machen“ sei eine neoliberale Gemeinheit, ja, es verstehe sich von selbst, dass man so etwas nicht fordern dürfe. Selbst der kluge Karl-Heinz Heinemann benutzt diese Denkfigur – was ich für einigermaßen für realitätsblind und beschönigend halte.
Flucht in einen leeren Bildungsbegriff
Wer hier die Staatschule als den Hort der Glücksseligkeit propagiert, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass sie keine demokratische Schule ist, sondern eine Art pädagogisches Apartheidsystem statuiert. Da hilft auch nicht die Flucht in einen humanistischen, aber leeren Bildungsbegriff: Hier trompeten manche in der Pose des Sozialrevolutionärs die unverzweckte Bildung – und verweigern nebenbei das Recht von rund 1,2 Millionen Jugendlichen auf die Chance zur Entwicklung. So viele sind es nämlich, welche in den niederen Kasten der ach so gerechten Staatsschule gehalten werden - ohne Chance auf Zukunft. Karl-Heinz, das solltest du den Lesern, bitte, nicht verschweigen.
Es bestehen wenig Zweifel, dass man nur über eine gründliche Strukturreform eine demokratische Schule in Deutschland erzeugen kann. Beinahe zwingend damit wäre eine völlig neue Lernkultur verbunden. Denn es ist nicht trivial, ab der sechsten, siebten Klasse heterogene Lerngruppen gemeinsam zu unterrichten. Aber das wäre notwendig, wenn man Haupt- und Sonderschüler nicht mehr aussondern dürfte, sondern auch ihnen den Zugang zu allgemeinen Bildung ermöglicht. In der Szene der Schulreformer wird daher ein starkes Fortbildungsprogramm für LehrerInnen gefordert. Und zwar eines, das die Lehrerschaft weg bringt von der üblichen Frontbeladungsmaxime und ihre Bereitschaft und Fähigkeiten öffnet, Kinder individuell zu unterrichten.
Eltern: Die Don Quichotes der KMK-Schule
Es gibt noch ein weiteres wichtiges Merkmal der deutschen Schule, das ist ihre perfide Zuständigkeitsfalle. Sie wird erzeugt durch ein ausgefeilt bürokratisches System, das aus bis zu drei Ebenen besteht und Eltern nicht selten zu hilflosen Don Quichotes macht. Dieses System raubt der Einzelschule und insbesondere dem Schulleiter auch noch einfachste Kompetenzen. Teilweise muss er für die Anschaffung von elektrischen Anspitzern Schulräte um Erlaubnis fragen. Die Rektoren sollen ihre Schulen entwickeln – die wichtigste administrative Kompetenz aber bekommen sie gar nicht: Sich geeignete Lehrer dafür auswählen und selbst einstellen zu können. Jeder Mensch, sei er Nachwuchstrainer, Partyveranstalter, Firmenchef oder Abteilungsleiter erhält selbstverständlich das Recht, seine Spieler/Mitarbeiter selbst auszuwählen – nur die Schulleiter nicht. Es liegt auf der Hand, dass Schulleiter dieses Personalrecht dringend brauchen! (Bloggenden Freitagslesern gilt das freilich als neoliberales Teufelszeug.)
Natürlich geht es dabei nicht um einen gouvernementalen Selbstzweck, sondern darum, sich in einem Team ein Schulprogramm zu geben – zusammen mit den Pädagogen und der demokratischen Schulkonferenz. Und es geht darum, den Schulleitern den Rücken durch ein fähiges Schulmanagement freizuhalten, so dass diese Visionen, oder einfacher Ziele formulieren können. Man kann dies tun, indem man etwa sagt, die Armut in der dritten Welt muss überwunden werden. Die ökologische Selbstzerstörung, ein leider sehr reales Szenario, möge gestoppt werden. Das klingt abstrakt. Aber es gibt Schulen, die ihre Schülern solche Fragen sehr konkret stellen lassen – und dadurch eine ungeheure pädagogische und moralische Kraft entwickeln.
Moralische Kraft einer Schulvision
Etwa, wenn in der Reformschule für Hamburg Winterhude ein Junge in einem dreiwöchigen Projekt einen Fußball selbst näht und die Strukturen von Kinderarbeit in Pakistan analysiert. Dies ist nur möglich durch einen radikalen Wandel der pädagogischen Struktur der Schule. Denn in die normale Stundentafal passen solche Drei-Wochen-Projekte einfach nicht. Einem Wandel von der Frontbeladung hin zum individuellen Lernen in Arrangements wie Wochenplan, Freiarbeit, Lernbüros und großen Projekten. (Hier im Freitag wurden solchen Lernprojekte als substanzlose Alternativen zum normalen Unterricht abgetan.)
Es ist nicht sicher, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass eine so gestärkte Einzelschule den Mumm hat, sich aus der bürokratischen Umarmung durch Schulräte zu lösen. Das Ziel ist dabei eben nicht, eine formale Direktoren-Kompetenz zu erhalten. Sondern jene administrativen Kompetenzen, die so etwas wie Autonomie ermöglichen.
Föderasmus: Laptops ins Grundgeset
Hat irgendjemand die Hoffnung, dass die Konferenz der Kultusminister (KMK) solche autonomen Schulen befördern würde? Die beiden großen Modernisierungsbremsen, die Bundesländer und die KMK, haben durch die Föderalismusreform I noch weitere Kompetenzen erhalten. Es wurde ernsthaft so etwas wie ein Kooperationsverbot von Bund und Ländern eingeführt. Um zum Beispiel im Zuge des Konjunkturpakets die Anschaffung von whiteboards und Laptops für die Schulen zu erlauben, musste tatsächlich die Verfassung geändert werden! Bedarf es noch eines weiteren Beweises wie irrsinnig dieser Föderasmus ist?
Es gibt nicht viele Erfahrungen, wie der Föderalismus gelockert werden könnte. Aber es gibt eine begründete Hoffnung, dass Schulentwicklung ohne die schädlichen Einwirkungen der KMK besser laufen könnte. Jedenfalls haben sich die etwa 100 exzellenten Schulen aus dem Reform-Netzwerk „Blick über den Zaun“ bzw. die Schulpreisträgerschulen (wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund) eher GEGEN einzelne Kultusminister-Vorgaben entwickelt als WEGEN ihnen.
Spricht man mit Schulentwicklern vor Ort, dann beklagen sie das Problem, dass sie an das Geld und die Kompetenzen für Schulreform oft nicht herankommen. Unter den Protagonisten einer Selbstreformschule wird daher eine – wie ich sie im Freitag gefordert habe – starke überregionale Agentur ins Gespräch gebracht, zum Beispiel eine gut dotierte Bundesstiftung, die das nötige Geld direkt in die Schulen gibt, etwa über Reformausschreibungen. (Und damit ist natürlich nicht die Bertelsmannstiftung gemeint. Warum auch?)
Die vielleicht ideale Organisationsform einer solche Schule ist die charter school, sie ist eine frei-öffentliche Schule. Sie gibt sich ein Programm, sie wird durch die Kommunen oder andere Träger betrieben, aber sie bleibt staatlich. Mancher mag das – aus Unwissenheit oder einer etatistischen Virusgrippe – für neoliberals Zeugs halten. Aber der sollte mal die Menschen in den vielen Graswurzelschulen fragen, in den Waldorfschulen, den katholischen und evanglischen Schulen oder den freien Reformschulen. Keine von diesen Schulen sieht sich als Privatschule, sondern als gesellschaftlich getragenes und kontrolliertes Reformprojekt.
Auf dieser Tradition lässt sich eine demokratische Schule errichten – aber, pardon, nicht auf den Ruinen der selektiven staatlichen Chancenzerstörungsschule.
Rinks und Lechts gegen gute Schule
Linke Reformblockierer
Leitartikel für den Freitag, das schreibt man gern. Jakob Augstein hat das Intellektuellenblatt, das aus dem Sonntag hervorging, übernommen - und versucht es mit Grassmann und Kabisch zu einer linken Edelpostille zu machen. Man wähnt sich mit dem Freitag bei einer linken Avantgarde, auf dem online-Titel klebt überall irgendwie Guardian mit drauf.
Allein, es wird ein großer Irrtum.
Da mögen die neuen Blattmacher noch so modern sein, im Leserfeedback gibt es richtig auf die Fresse. Da sind ein paar dogmatische Linksblogger am Werk: Dass sie hinter einer unabhängigen Bundesstiftung immer nur Bertelsmänner sehen - geschenkt; dass sie freie Schulen konsequent mit Profitbuden vertauschen - nun gut, 150 Jahre etatistische Preußenschule müssen ja irgendwo ihre Spuren hinterlassen.
Dass sie aber den Frontalunterricht quasi durch die Bank hochleben lassen. ("Auf den Frontalunterricht einzudreschen ist im Moment sehr angesagt...") - das ist ein Schreck, nein ein Schock. Von den exzellenten Schulpreisschulen - haben sie noch nie etwas gehört, "Systemdebatten halten sie in der Tat für nicht besonderes hilfreich." Hilfe, wo ist lechts, was ist rinks!
Sie denunzieren in 124 Beiträgen den Schreiber; sie kennen das Wort individuelles Lernen schlicht nicht. Und das obwohl Spätpromovierende über guten Unterricht dabei sind. Irgendwann schreibt einer der Leser voller Verzweiflung:
"Sind das Verteidigungsreden, dass alles so bleiben soll wie immer? Keine Krise des Schulsystems?"
Der Freitag ist eben nicht der Guardian, seine Leser auch nicht. Dennoch wirft es ein Schlaglicht auf die Komplexität einer Schulreform: Rechts steht die konservative Kamarilla und blockiert mit ihrer Kulturhoheit der Länder jeden Modernisierungsversuch; links steht eine verstockt-dogmatische Linke, die Wangen von "neolibben" Bertelsmann-Ohrfeigen gerötet und heult ohne Unterlass.
Schule in Deutschland leidet unter der organisierten Verantwortungslosigkeit einer vielschichtigen Kultusbürokratie.
Aus deren Würgegriff ist sie praktisch nicht zu befreien. Aber sie leidet genauso darunter, dass die Gesellschaft mit dem Finger auf die Schulen zeigt und sagt - die muss der Staat reformieren, damit haben wir nichts zu tun! Das ist die Fortsetzung der staatstreuen Ohnmacht. Schule? Geht uns nichts an.
Aber, auch die Indolenz der Freitag-Leser wird nicht verhindern, dass ein neues Zeitalter des Lernens anbricht. Die Schulreform in ihrem Lauf - dieses Bonmot lieben sie - , hält weder Ochs noch Esel auf. Freitag, Lasst die Schulen los!
Inzwischen gibt es eine Reaktion des geschätzten Kollegen Karl-Heinz Heinemann, ebenfalls im Freitag.
Die Sortiermaschine
Länger zusammen lassen - weniger Sortierfehler
Stellt die Sortiermaschine ab – endlich!
Zum wiederholten Male ist bewiesen, dass die Schule unsere Kinder in Schubladen steckt – sehr oft die falschen. Das Lotteriespiel Begabungsauslese muss aufhören VON CHRISTIAN FÜLLER
Was die Forscher des Berliner Wissenschaftszentrums herausgefunden haben, ist nicht wahnsinnig neu – aber des wegen ist es nicht weniger skandalös. Die deutsche Schule sortiert viele Kinder falsch. Sie landen nach der Grundschule in Schulformen, die sie unterfordern und ihnen Chancen rauben. Diese Sortierung ist, das ist das Problem, oft nicht mehr zu verändern – denn unsere Schule ist nach wie vor eine Start Kastenwesen.
Was die Wissenschaftler herausgefunden haben, weiß jeder Lehrer: den passgenauen „Hauptschüler“, der mathematisch, sprachlich, technisch immer so talentiert ist, dass er nur in die eine Schulform gehört, den gibt es nicht. Kevin stammelt vielleicht in Deutsch – dafür ist er ein kleiner Mathegenius. Und Ayshe würde es locker auf die Uni schaffen – wenn die Schule sie fördern und nicht auslesen würde. Auch zwischen Realschülern und Gymnasiasten gibt es erhebliche Überlappungen. Insgesamt werden 17 Prozent der Schüler falsch einsortiert ins Kastenwesen.
Was tun? Wir müssen endlich die Sortiermaschine abstellen und Kinder länger zusammen lernen lassen. Bis zur sechsten, besser noch bis zur achten Klasse. Denn nur in Deutschland und Österreich gibt es das noch, dass man 10-jährige krampfhaft auf die richtige Schulform lost - die dann oft die falsche ist. Das ist für alle Beteiligten blöd: die Lehrer, weil sie fürs Auslesen nach Fehlern und Schwächen suchen müssen; für die Kinder, weil sie sich ab der dritten Klasse permanent unter Druck gesetzt fühlen; und für die Eltern ohnehin, weil sie immer Angst haben, das sich die Tür zum Abitur schließt.
Man könnte sich den unproduktiven Stress ersparen. Längeres gemeinsames Lernen heißt die Devise mit individuellen Lernformen wie Freiarbeit, Wochenplan, Lernbüros und echten großen Lernprojekten, in denen die Kinder all ihre Talente entfalten können.
Und wieso stänkert dann der oberste deutsche Studiendirektor Heinz-Peter Meidinger gegen die Studie? Ganz einfach, er kriegt ja Geld dafür. Er muss als ihr Obberlobbyist die Gymnasien verteidigen. Wenn er behauptet, die Studie sei unwissenschaftlich, dann ist er schlecht informiert. Alle renommierten Forscher kommen zu dem gleichen Schluss: Man kann Kinder nicht korrekt und trennscharf sortieren, dazu sind sie zu unterschiedlich. Dass Meidinger so laut und so falsch aufschreit zeigt: Mit jeder Studie durchschauen Eltern die Ausleseideologie besser – und wenden sich Schulformen zu, die nicht sortieren, sondern jedes Potenzial der Kinder fördern.
Zum Dialog - mit Vorladung
Die erste zuständige und dialogbereite deutsche Schulbehörde
Bei Recherchen zu bayerischen Schulsituation ist pisaversteher auf einen bemerkenswerten Satz gestoßen: Johannes Hardenacke, der Sprecher der Regierung von Unterfranken sagte:
„Wir sind im Schulbereich stets zu einem offenen Dialog mit Schulämtern und Schulleitern bereit.“
Was bedeutet dieser Satz? Gesprochen vom Sprecher einer Schulaufsichtsbehörde.
Liegt die Bedeutung auf Dialog - also, dass die Schulbehörde nicht nur Verordnungen und Rundschreiben herausgibt, sondern auch spricht.
Oder fokussiert Johannes Hardenacke auf Schule. Also: Die Schulbehörde ist für Schulen zuständig!
Nein, nein, nein. Bleiben Sie um Himmels willen dran. Das ist nicht trivial, was die unterfränkische Schulbehörde von sich gibt.
1) Hardenacke sagt: Wir sind zuständig!
Dass sich eine Schulbehörde zu ihrer Zuständigkeit für Schulfragen bekennt, ist durchaus ungewöhnlich. Im deutschen Schulsystem herrscht üblicherweise so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit.
Für das Schulessen von Hartz-IV-Empfängern etwa ist niemand formal zuständig. Es musste in Deutschland lange gerungen werden, dass arme Kinder in Ganztagsschulen wirklich etwas zu essen bekommen.
Wenn - wie vor einiger Zeit in Berlin geschehen - nicht genug Schulplätze für Grundschüler da sind, gibt es viele Zuständige - aber keinen Verantwortlichen. Bei Schulschließungen ähnlich. Wenn eine Schule geschlossen wird, kann man nie jemanden dafür verantwortlich machen.
Am besten ist es bei Schulbibliotheken. Auf einer Konferenz der "Stiftung Lesen" fragte jüngst jemand, wie es denn mit der Idee wäre, nach dem Lesedesaster bei der Pisastudie in jeder Schule eine Bibliothek einzurichten.
„Das ist eine tolle Idee", stöhnt jemand, "aber sie ist nicht umsetzbar, weil es für eine Schulbibliothek generell keine Zuständigkeit gibt“.
Die mittlere Schulbehörde in Würzburg ist in unseren Augen daher ein Vorbild: Sie bekennt sich zu ihrer Zuständigkeit
2) Hardenacke sagt: Wir sind zum Dialog bereit!
Auch das eine ungewöhnliche Formel. Das letzte Mal hat pisaversteher sie vor 20 Jahren gehört – damals hatte die Staats- und Parteiführung der DDR die Demonstranten gegen des 40-jährige DDR-Jubiläum niederknüppeln lassen. Anschließend merkten Honecker, Mielke und seine Stasischergen, dass sie ein bisschen spät zugeschlagen hatten. Und sagten: Wir sind bereit zum offenen Dialog. In der Geschichte ist es so, dass Dialogbereitschaft stets von Regimen betont wird, die Dialog zuvor üblicherweise nicht nötig hatten.
Und wie geht es nun weiter mit der ersten zuständigen und dialogbereiten deutschen Schulbehörde?
Johannes Hardenacke und seine Schulräte treten mit jenen Schulleitern aus Bad Kissingen in einen Dialog ein, die kürzlich in einem Brief ihre Sorge um die Schulen dort geäußert haben. Der Brief ging an den Ministerpräsidenten und den Kultusminister Bayerns.
Damit der Dialog funktioniert, haben Hardenacke und die Schulbeamten die renitenten Rektoren nach Würzburg vorgeladen. Sie wollen sie rügen, denn die Schulleiter hätten den Dienstweg nicht eingehalten.
Hardenacke hat vollkommen Recht.
Wo kämen wir denn hin, wenn Schulleiter einfach Schreiben an Schulminister verfassten, indem sie sich über ihre Schulen Sorgen machen!
Das muss dialogisch geklärt werden!
Hardenacke ergänzte: "Eine 'förmliche' (beamtenrechtliche) Mißbilligung durch die Regierung von Unterfranken ist damit nicht verbunden."
Das bist der einzige Satz, den pisaversteher nicht versteht:
Müssen wir uns etwa Sorgen machen um die zitierten Schulleiter?
Hauptfach: Bäume ausreißen
Man muss Verbotenes machen
Wann gibts so was schon? Jemand stellt ein Buch vor - und es kommen fast 300 Leute. So am Dienstag abend in der brandenburgischen Landesvertretung beim Bund, als Ulrike Kegler ihr Buch "In Zukunft lernen wir anders" präsentierte. (die taz übers Buch)
Das Bemerkenswerte waren die Sätze. Die Rektorin der Montessori-Gesamtschule sagte wunderbare Sätze.
Eine Auswahl:
zur Veränderung von Schule: „Heute weiß, ich dass man Sachen machen muss, die verboten sind“. (Wenn man Schule verändern will.)
Über das Prinzip des Lernens: „Darum geht es: dass man jedes Kind einzeln wahr nimmt.“
Über die Lehrerrolle: „Ich habe früher auch Lehrerin gespielt (und von vorne den Takt angeben wollen). Irgendwann habe ich gemerkt: Wenn alle alles gleichzeitig machen sollen, dann bringt das nichts.“
„Wenn man anfängt zu handeln und in der Schule etwas zu verändern - dann gibt es Ärger.“
„Wenn man die alte Kirchenordnung infrage stellt – vorne der Altar, die Bänke und die Schäfchen - , dann entstehen Interessenkonflikte.“
„Schule ist der erste Ort, an dem Gemeinschaft gebildet wird.“ (nach v. Hentig)
Das neueste Projekt von Ulrike Kegler heißt Schlänitzsee 1. Auf dem ehemaligen Stasi-Gelände soll eine Art Freizeitbauernhof entstehen. Die Kinder der 7. und 8. Klassen haben dort viel zu tun - man begann damit, Platanen zu fällen:
„So einen Baum zu fällen, das war schon ein guter Anfang für die Schüler. Sie wussten: Es ist ernst gemeint.“
Reinhard Kahl war der Gesprächspartner Reinhard Kahls. Er sagt dazu: „Das Hauptfach, dass die Kinder haben müssen, heißt Bäume ausreißen.“
Über die Idee des neuen Projekts: „Das Ziel ist, dass sie nicht mehr in die Schule gehen.“
Über den Umgang mit den Schülern: „Man muss mit den Kindern viel reden. Obwohl – man darf auch nicht zu viel reden, sonst wollen sie immer nur reden, sie zerquatschen dann alles und machen nix mehr.“
„Schule ist zu klein als Ort.“ (Sie wird den Kindern nicht gerecht.)
Über ihr Ethos als Lehrerin: „Es würde mich glücklich machen, wenn die Kinder im Unterricht nicht mehr im Gleichschritt marschieren müssen. Und wenn Kinder nicht mehr aussortiert werden.“
Ulrike Kegler zitiert den Schulrat, der zu einer Inspektion in die Schule kam:
„Wir haben Sie das geschafft? Sie geben keine Zensuren – und trotzdem sind ihre Schüler besser als an anderen Schulen. Verraten Sie mir, wie Sie das geschafft haben?“
„Die Eltern geben mir ja das Beste, was Sie haben – ihre Kinder. Eltern sind aber oft auch diejenigen, die das neue in den Schulen blockieren. Man muss viel mit den Eltern sprechen. Irgendwann muss man dann aber auch sagen: Es ist genug geredet, gehen Sie mit Ihrem Kind an eine Schule, die Ihnen gefällt. Eltern dürfen auf keinen Fall bestimmen, ob und welche Noten gegeben werden.“
„Eine Lehrerin sagte zu mir: 'Irgendwann wirst Du auch noch ruhig.'“
„Ich bin mir sicher, dass Schönheit in der Schule die größte Rolle spielen sollte.“

