Marx wusste es besser: Studiengebühren sind gerecht
Campus-Maut: Wie Bundesländer und Studierende sich von einem, ja, emanzipatorischen Projekt verabschieden
VON CHRISTIAN FÜLLER
Schade eigentlich. Jetzt beginnt auch Bayern, sich aus den Studiengebühren wieder zurück zu ziehen. Ministerpräsident Horst Seehofer hat eine „offene Diskussion“ über das Bezahl-Studium angekündigt. Diese Aktion ist nicht nur Beweis für den Populismus eines Wahlkämpfers. Sie markiert zugleich den Abschied von einem, ja emanzipatorischen Projekt: Studiengebühren sind nämlich nicht, wie gern behauptet, ein Mittel der Ausschließung, sondern im Gegenteil: Sie sind ein Moment des sozialen Ausgleichs – und stärken zugleich demokratische Beteiligung. Jedenfalls können sie es.
Wie das? Das fragt sich LeserIn zurecht. Denn den Eintritt ins Studium mit einem Preis zu versehen, verengt den Zugang zur Hochschule. Weil sich nicht mehr jeder die Uni leisten kann. Das stimmt – aber eben nur auf den ersten, flüchtigen Blick. Die empirischen Daten offenbaren ein anderes Bild: Das Nadelöhr für Arbeiterkinder ist nicht etwa die Campus-Maut, sondern es ist die scharfe Auslese, die von der Schulstruktur ausgeht. Es gibt Studien jeder Methodik und unverdächtiger Herkunft, die das zeigen.
It´s the school, stupid
Der so genannte Bildungstrichter (aus der Sozialerhebung der Studentenwerke) beweist seit vielen Jahren, dass nur 11 bis 14 Prozent der Arbeiterkinder auf Hochschulen kommen, aber satte 83 Prozent der Beamtenkinder. Ursache dafür ist, dass es Eltern der sozialen Herkunftsgruppe „hoch“ gelingt, 85 von 100 Kindern in die gymnasiale Oberstufe zu hieven – und von denen wiederum 95 Prozent auf die Hochschule. Den Eltern der sozialen Herkunftsgruppe „niedrig“ (so heißen Arbeiterfamilien soziologisch heute) bringen nur 36 von 100 Kindern auf die höhere Schule; und von ihnen nur 31 Prozent auf die Uni.
Die Übergangszahlen schwanken geringfügig, aber der Gegensatz zwischen den Studienerfolgen der Ober- und Unterschicht bleibt stabil. Der Bildungstrichter bestätigt damit das Ergebnis jeder einzelnen Pisa-Studie:
Schulische Leistungen und Fortkommen hängen in Deutschland von der sozialen Herkunft ab. Es ist DIE Achillesferse des deutschen Bildungssystems. Oder genauer: Es ist die SCHULE, die vom Studium abhält und nicht etwa die Campus-Maut.
Was passiert nun, wenn Studiengebühren hinzukommen? Auch das weiß man, dank einer Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin (die übrigens – auch von dieser Zeitung – konsequent kleingeredet wurde). Danach haben Gebühren keine abschreckende Wirkung. "Mit keiner der durchgeführten Analysen kann ein negativer Effekt von Studiengebühren auf die Studierneigung identifiziert werden", schrieben die Forscher 2011. (1)
Marx über unentgeltliche Unterrichtsanstalten
Es gibt viele weitere Studien etwa der OECD, welche die Vorteile eindrucksvoll belegen, die Akademiker aus ihrem Studium ziehen. Das schlagendste Argument stammt aber vielleicht von Karl Marx. Er notierte 1875 in seiner Kritik am Gothaer Programm der SPD,
„wenn in einigen Staaten höhere Unterrichtsanstalten unentgeltlich sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.“ (Marx, 2)
All´die Studien zu zitieren, die das Märchen „Studiengebühren sind die Ursache sozialer Selektion“ fortschreiben, ermüdet freilich. Man muss, um besser zu verstehen, was es mit Gebühren und Gesellschaft auf sich hat, über zwei Dinge sprechen.
- Erstens: Wieso ignoriert die akademische Oberschicht diese Zahlen?
- Zweitens: Wie könnte denn ein intelligentes Studiengebührenmodell aussehen?
Erstens: Es gibt eine Vielzahl von grandiosen Schein-Argumenten gegen Studiengebühren. Der wahre Grund aber, warum Akademiker das Bezahlstudium bekämpfen, ist sehr einfach: Jeder ist sich selbst der nächste. Die Studierten verteidigen ihre Privilegien. Die Kinder der – zugespitzt formuliert – Reichen und Gebildeten bekommen das Studium geschenkt. Das soll so bleiben.
Asta: Nützliche Idioten der Reichen
Das Mantra der Allgemeinen Studentenausschüsse, das in etwa „Studium für alle“ lautet, ist nichts anderes als Propaganda-Schwindel. Studentenvertreter betätigen sich als Lobbyisten ihrer Klasseninteressen – oder als nützliche Idioten der gehobenen Beamten- und Bürgerschichten. Asta-Fritzen kämpfen im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium. In Wahrheit aber sind sie die Vorhut reicher Ärzte-, Anwälte- und Redakteurs-Kinder, die Papis Kohle weiter in Skiurlaube statt in die Campus-Maut stecken wollen. So weit so schlecht.
Spannender ist die Frage: Wie kann ein intelligentes Gebührenmodell aussehen? Die taz hat im Jahr 2004 ein solches Modell vorgelegt, und es hätte emanzipatorische Kraft. Warum? Die demokratisch-soziale Lage an den Hochschulen sieht so aus, dass die Bürgerkinder ihr Studium genießen – und sich um Wahlen in die Selbstverwaltungsorgane nicht weiter scheren. Teilweise gehen nur neun Prozent (sic!) zur Wahl, maximal reicht die Wahlbeteiligung bis knapp über 20 Prozent.
Asten komplett abschaffen?!
Die Idee wäre nun diese: Wenn sich die StudentInnen an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen, sollen sie das Geld auch selbst verwalten (dürfen). Dann würden die Wahlbeteiligung wahrscheinlich dramatisch steigen – parallel zu dem Interesse daran, ihre Studiengebühren sinnvoll einzusetzen. Immerhin handelt sich dabei, wie die Abschaffung der Gebühren in NRW und Baden-Württemberg zeigte, um dreistellige Millionenbeträge. Eine Steigerung der Wahlbeteiligung an den Unis ist übrigens wichtig. In der CDU wird bereits laut darüber nachgedacht, die studentische Selbstverwaltung an den Hochschulen komplett abzuschaffen – weil sich so wenige dafür interessieren.
NRW: 250 Millionen Euro für Privilegierte
Über all' das würde es sich lohnen nachzudenken. Aber, die politischen Mehrheiten sind anders. Rot-Grüne Landesregierungen haben die Campusmaut nicht etwa zu einem Modell demokratischer Mitbestimmung erweitert, sondern abgeschafft. Eine solche Politik wirkt sich übrigens sofort auf eine progressive Bildungsreform aus – es verunmöglicht sie. Denn wer, wie NRW, 250 Millionen Euro ausgibt, um privilegierten StudentInnen die Campus-Maut zu erstatten, der hat eben kein Geld mehr für benachteiligte Arbeiterkinder in Ruhrgebietsschulen. Mit anderen Worten, das emanzipatorische Projekt „demokratische Studiengebühr“ ist passé, von links bis konservativ. (3)(4)
Wie lange es sich freilich Friseurinnen, Hilfsarbeiter und andere Nicht-Studierte in diesem Land gefallen lassen, dass sie mit ihren Steuern Universitäten bezahlen, die ihre Kinder niemals werden besuchen können, das steht auf einem anderen Blatt.
P.S. Anmerkungen und Ergänzungen zu verschiedenen Aspekten
1) Die WZB-Leute fanden weiter heraus, dass sich interessanterweise gerade Kinder aus sozial benachteiligten Schichten nicht abgeschreckt fühlen durch die Campus-Maut – ganz im Gegenteil. Sie verrechnten den Wert des Studiums mit ihrem künftigen beruflichen Status. Mit anderen Worten: Sie wissen besser als die feinen Pinkel reicher Häuser, dass das Studium sehr wohl eine private Bedeutung hat – und sprechen offen darüber.
Auch die OECD belegt das übrigens eindrucksvoll (Education at a glance 2012): Das Einkommen von Akademikern liegt in Deutschland um 80 Prozent über dem Nicht-Studierter; das ist viel höher als in anderen entwickelten Ländern, wo die Einkommensvorteile nur bei knapp 60 Prozent liegen Die beiden Bochumer Ökonomen und Winter und Pfitzner haben diese Einkommensvorteile jüngst genauer untersucht – und sie empört. Sie sprechen von einer „Studiengebührenlüge“. Und argumentieren konsequent „gegen ein gebührenfreies Studium auf Kosten der Allgemeinheit“. Der Unter-Titel ihres Buches heißt denn auch: „Wie die Republik Bildung vernichtet und die Armen abzockt“.
(2) Das hübsche Marx-Argument samt Zitat hat übrigens der heutige Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Thomas Oppermann, in die Debatte eingeführt. Damals als Wissenschaftsminister in Niedersachsen, wo er genüsslich gegen die SPD-Linie stichelte, das Bezahl-Studium zu verbieten. Es lohnt sich, ihn zu fragen, wie er heute dazu steht. Denn an Oppermann kann man genau studieren, wie sich frühere lustvolle Provokateure sehr brav auf Parteilinie bringen lassen.
(3) Es macht einen in der Tat zornig zu sehen, wie fix die Landesregierung aus NRW, die sich bundesweit als Retter der Beladenen und Benachteiligten geriert, die Studiengebühren abschaffte – obwohl es eine Viertelmilliarde Euro kostet. Zugleich geht die selbe Landesregierung in der Schulpolitik Kompromiss um Kompromiss ein. Wenn jemand studieren will, wie Grüne mit glühend gerechter Rhetorik die eigenen Klientel bedienen, dann muss er sich NRW ansehen. Der Zusammenhang ist ja auch sehr klar: Studiengebühren sind ein schnell einlösbares Wahlgeschenk, das sofort Beifall vom Wahlvolk bringt. Ein radikaler Umbau der Schulen aber hätte die Kinder der Grünen ebenso fix mit Schmuddelkindern in die selbe Schulbank gesetzt. Wer will das schon!
(4) Dass Bayerns Horst Seehofer aus Angst vor einer Volksabstimmung aus den Gebühren flieht ist eine traurige Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in Bayern, wo sich wenige Abiturienten und Studierende vielen Jugendlichen gegenüber stehen, die kein Recht aufs Studium haben, sollte eine Volksabstimmung das Gebührenfrei-Privileg wieder einführen?
Abghängter Sockel
Es ist der xte Bericht, der das deutsche Bildungssystem unter die Lupe nimmt. Aber es wird nur sehr langsam besser. Vor allem eine Gruppe bekommen die Kultusminister nicht zu fassen – die so genannten bildungsfernen Schichten. „Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten", warnen die Autoren des jüngsten Bundesbildungsberichts.
Kultusminister im Krieg - gegen wen?
Am Donnerstag abend war noch alles in bester Ordnung sein. Da trafen sich die Kultusminister zu ihrem Jahrespresseempfang, und ihr Präsident Ties Rabe (SPD) verglich die ständige Konferenz der Kultusminister launig mit Napoleons Armee: Weil der französische Diktator vom Feldherrnhügel nicht weit genug ins Schlachtfeld sehen konnte, durfte jede Kompanie kämpfen, wie sie wollte. Mit anderen Worten: Wir Kultusminister sind im Krieg, da kann jeder von uns machen, was er will.
Wenn die Analogie des Hamburger Schulsenators Rabe nur annähernd stimmt, dann haben seine Kultusminister heute eine schwere Niederlage zu beklagen. Denn der Bundesbildungsbericht, dessen Auftraggeber sie sind, dokumentiert zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, kurz: dass die Bildungschancen steigen. Aber es zeigt auch die bittere Wahrheit, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt.
„Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt“, fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts zusammen. Sein Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen ergänzte, „15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel.“ #
Das werden die Kultusminister gar nicht gerne hören. Sie haben sich aus der Pisaberichterstattung zurückgezogen, den internationalen Schulleistungstests der OECD. Damit es nicht immer nur schlechte Nachrichten gibt. Nun lesen ihnen die Autoren ihres eigenen Bildungsberichts die Leviten – aber wie. Auch die vermeintlichen Spitzenreiter unter ihnen weisen schwere Mängel auf. Die Spuren der Bildungsverlierer sind durch fast alle Bereiche beobachtbar:
über drei Prozent der Förderschüler sehen nie eine normale Schule von innen – sie werden direkt vom Kindergarten in die Sonderschulen gesteckt, in Bayern und Baden-Württemberg sind es gar 4,5 Prozent
das so genannte Übergangssystem von Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen für ausbildungslose Jugendliche hat sich verfestigt; ein Drittel der rund eine Millionen Schulabgänger ohne Abitur bleibt dort hängen
Das Durchschnittsalter beim Berufseinstieg steigt quer durch alle Branchen kontinuierlich an: Selbst Hauptschüler ohne Abschluss kommen erst mit 20 Jahren im Beruf an
es gibt mittlerweile eine Grafik mit so genannten Risikolagen. Darin steht, dass auch in Bayern 20 Prozent der unter 18-Jährigen mindestens eines haben, in Nordrhein-Westfalen 33 und in Berlin sind es 44 Prozent
Zwei Geschichten des Bildungssysstems
Das bedeutet, es gibt zwei Geschichten des Bildungssystems zu erzählen. Die der bildungsbürgerlichen Schichten, die ihre Lektion aus dem Pisaschock gelernt haben. Sie schicken ihre Kinder zum Beispiel vermehrt auf Privatschulen. In manchen Gegenden in den Städten und in Ostdeutschland sind bereits über 10 Prozent der Grundschüler bei Privaten - obwohl das Grundgesetz das nicht gern sieht. Das zweite Gesicht ist das für die sozial Benachteiligten. "Die Bildungschancen entwickeln sich immer mehr auseinander", sagte Andrä Wolter von der Humboldt-Uni als Gesamtbilanz.
Einige der Kultusminister ärgerten sich gestern bereits, dass die Pressevertreter diesmal vor ihnen den auf amtlichen Zahlen fußenden Bericht zu sehen bekamen. Davor haben sie Furcht, und das ist berechtigt, denn die Noten für die Schul- und Wissenschaftsminister fallen sehr durchwachsen aus. Der Leiter des Bildungsberichts, Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, sagte, es gelinge nicht, „eine Schulstruktur anzubieten, die die Bedürfnisse der Lernenden trifft.“
Als Beispiel nannte er die sich verfestigenden Nachteile für Migrantenkinder. Der Aufstiegswille in dieser Schicht sei viel höher als bei Deutschstämmigen. Aber das Schulsytem weise ihnen die kalte Schulter. Jugendforscher Rauschenbach sagte es so: „Die Kinder aus Migrantenfamilien kapieren gar nicht, was in unserem Bildungssystem alles möglich ist – wenn wir es ihnen nicht besser erklären.“ #
Die Kultus- und Wissenschaftsbürokratie hängt auf vielen Feldern hinter den Bildungswünschen der Bürger her. Nach den Berechnungen der Gutachter fehlen demnach 260.000 Plätze für den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Die Bundesregierung sprach zuletzt nur von 130.000 fehlenden Plätzen. #
Bei den Hochschulen taxieren die Autoren des Berichts bis 2015 gar eine Lücke von 300.000 ausfinanzierten Studienplätzen. Der Hochschulpakt reicht nicht aus, sagten die Forscher übereinstimmend.
Die Kultusminister sehen das naturgemäß anders. "Wir zeigen, was von uns erwartet wird", sagte der Präsident der KMK, Ties Rabe. "Wir handeln." #
Ob das genug ist für den Sockel der Abgehängten?
Studiengebühren müssen sein...
… solange nur ein Bruchteil der Gesellschaft das Uni-Privileg geniesst
In Nordrhein-Westfalen wird am Sonntag gewählt. Über eine der wichtigsten Gerechtigkeitsfragen aber wird es keine Abstimmung geben: Studiengebühren. Selbst die CDU hat die Campusmaut vorsorglich aus ihrem Programm genommen.
Das bedeutet: Die Gebühren für den privaten Karriereturbo Hochschulen bleiben abgeschafft. Anders gesagt: In NRW darf eine kulturelle und soziale Oberschicht ihre Kinder ab sofort wieder mit dem profitträchtigen Privileg eines Studiums beglücken – ohne dafür zu bezahlen. Das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Affront gegen alle Nichtabiturienten, vor allem gegen Haupt- und Sonderschüler. Denn sie werden das Universitätsprivileg nicht in Anspruch nehmen. Es ist ihnen juristisch durch ihren Bildungsmalus verwehrt. Sie müssen also mit ihren Steuern jene Studienplätze finanzieren, die sie und ihre Kinder so gut wie nie einnehmen werden.
Für einen Staat, der qua Verfassung verspricht, die Gesellschaft gerechter zu machen, ist das eine schwere Hypothek. An den Hochschulen wird das zutiefst ungerechte Schulsystem konsequent weitergeführt. Der Staat benachteiligt die Kinder aus kulturell armen Familien – und er bevorzugt die Kinder der – überspitzt gesagt – Schönen und Reichen. (Siehe Bildungstrichter und ausführlich das Kapitel der DSW Sozialerhebung bei scribd)
Das ist eine unbequeme Wahrheit. Die in Deutschland nicht ohne Weiteres angenommen wird. Studien seriöser Institute wie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) haben kürzlich gezeigt, dass von einem Bezahlstudium keine realen Abschreckungseffekte ausgehen. Im Gegenteil, diejenigen Teile der Unterschicht, die das Abitur schaffen, gehen relativ gezielt dorthin, wo das Studium kostet. Sie machen eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Sie wüssten, dass es sich lohnt, in Bildung zu investieren, schreiben WZB-Autoren.
In Nordrhein-Westfalen wird am Sonntag gewählt. Über eine der wichtigsten Gerechtigkeitsfragen aber wird es keine Abstimmung geben: Studiengebühren. Selbst die CDU hat die Campusmaut vorsorglich aus ihrem Programm genommen.
Das bedeutet: Die Gebühren für den privaten Karriereturbo Hochschulen bleiben abgeschafft. Anders gesagt: In NRW darf eine kulturelle und soziale Oberschicht ihre Kinder ab sofort wieder mit dem profitträchtigen Privileg eines Studiums beglücken – ohne dafür zu bezahlen. Das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Affront gegen alle Nichtabiturienten, vor allem gegen Haupt- und Sonderschüler. Denn sie werden das Universitätsprivileg nicht in Anspruch nehmen. Es ist ihnen juristisch durch ihren Bildungsmalus verwehrt. Sie müssen also mit ihren Steuern jene Studienplätze finanzieren, die sie und ihre Kinder so gut wie nie einnehmen werden.
Für einen Staat, der qua Verfassung verspricht, die Gesellschaft gerechter zu machen, ist das eine schwere Hypothek. An den Hochschulen wird das zutiefst ungerechte Schulsystem konsequent weitergeführt. Der Staat benachteiligt die Kinder aus kulturell armen Familien – und er bevorzugt die Kinder der – überspitzt gesagt – Schönen und Reichen.
Als die sehr unbequemen Erkenntnisse des Instituts im Bundestag diskutiert wurden, durfte man staunen. Die Antigebührenlobbyisten von links bis grün drehorgelten einfach ihr dümmliches Argument weiter, Gebühren seien ungerecht – gerade so, als hätte es die WZB-Studie nie gegeben. In der Studie steht, Gebühren verriegeln die Unis für Arme nicht. Gewerkschaften und Studentenverbände behaupteten aber kess das Gegenteil – ohne empirischen Beleg. So etwas nennt man Ideologie. Die Welt aus seiner falschen Vorstellung leiten zu wollen, obwohl die empirischen Fakten etwas anderes sagen.
Weil man keine eigenen Erfahrungen gelten lässt, werden in der Debatte immer wieder solche aus dem Ausland bemüht – zum Beispiel die USA: Dort trieben hohe Studiengebühren die Mittelschichtsfamilien in Scharen in die Armut. Ein gar schröckliches Beispiel!
So gemahnen es die Gebührengegner hierzulande mit tiefem Bass und hohem Zeigefinger. Was sie nicht sagen: Erstens ist es US-Familien offenbar viel wert, in ihre Kinder und das Studium zu investieren. Und zweitens: In den USA kostet ein Studium bisweilen 6.000 Dollar pro Monat, in Deutschland aber nicht mal 100 Euro! Was für ein grotesker Vergleich. Für wie dumm halten Gebührengegner eigentlich die Öffentlichkeit?
In dieser Zeitung war gerade ein Bericht aus den Arbeiterunis in den Elendsvierteln rund um das peruanische Lima zu lesen. Dort haben die Macher der aus dem Wüstenboden gestampften Volksuni Folgendes bemerkt: Die Kurse kommen besser an – wenn sie etwas kosten. Die Studenten nehmen die Ausbildung ernster, wenn sie nicht umsonst ist.
Diese Studenten sind nicht etwa reich, sondern arm. Die Kinder von Indígenas und Bauern, die in der Stadt ihr Glück suchen. Und für ihre Ausbildung einen Beitrag leisten (wollen). Eine selbstverständliche menschliche Regung – die deutsche Gebührenideologen Unrecht nennen. Die Erde ist und bleibt eben eine Scheibe. (Christian Füller)
Offener Brief zur "Kinderpornoleier"
Offener Brief an Jörg Rupp, den Autoren des Begriffes „Kinderpornoleier“
Sie, Jörg Rupp, sind maßgeblicher Netzpolitiker der Grünen in Baden-Württemberg. Sie haben sich bei Twitter zu Warnungen vor kinderpornografischen Darstellungen und pädosexuellem Grooming so geäußert: „Und wieder die alte Kinderpornoleier“. Sie bezogen sich in einem Folge-Tweet positiv auf einen wegen des Hundertfachen Besitzes von Kinderpornografie verurteilten Mann.
Ich habe das auf Twitter kommentiert: „ein grüner Kinderpornolobbyist.“
Dieser Kommentar war falsch. Ich bedauere, die Tweets Rupps mit der Bezeichnung „grüner Kinderpornolobbyist“ gekennzeichnet zu haben. Ich nehme das zurück. Es tut mir leid. Rupp ist sicher kein Kinderpornolobbyist, er arbeitet oder wirbt nicht für die Porno-Industrie.
Jörg Rupp hat zwischenzeitlich erklärt, er habe den Begriff der „Kinderpornoleier“ nur umgangssprachlich benutzt. Es tue ihm leid, wenn jemand dadurch sexuelle Gewalt im Netz bagatellisiert sehe.
Ich finde richtig, wenn ein Landespolitiker dies einsieht. Ich halte zusammen mit einer überwältigenden Zahl von Anti-Missbrauchs-Einrichtungen den Terminus „Kinderpornoleier“ für völlig unangebracht.
- Er versperrt uns das Verständnis dafür, welche Risiken das Netz insbesondere für Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit sexueller Gewalt birgt. Ein solcher Begriff hält uns davon ab, die neuen Formen von dokumentierter sexueller Gewalt in Web 2.0-Medien zu verstehen. Er blockiert unsere Wahrnehmung für die neuen Störungs- und Krankheitsbilder, die Einrichtungen bei Kindern und Jugendlichen beobachten. (siehe taz)
Ich will kurz schildern, wie ich zu der harten Kommentierung der Rupp´schen Tweets gekommen bin.
1) Jörg Rupp hatte im Bezug auf eine Aufklärungsseite über sexuelle Gewalt in der taz (eine Rezension des Buchs "Im Netz" und einer über die Haltung der Reformpädagogen) gefragt, was es rechtfertige, „den Zusammenhang 'Internet/Pädo' aufzumachen“. Ich habe diese Frage nicht verstanden, denn es steht auf der Seite und ist auch für jeden offensichtlich, wo der Zusammenhang liegt:
Erst vor wenigen Wochen geschah ein schreckliches Verbrechen. Ein junger Mann erstach ein 11-jähriges Mädchen, nachdem er es – so vermutet die Polizei – vergewaltigt hatte. Dieser junge Mann hatte in den Jahren zuvor seine pädophilen Neigungen durch den Konsum von Kinderpornos im Netz verfestigt und später auch eigene sexuelle Gewalt gegen ein kleines Mädchen dokumentiert. Experten gehen davon aus, dass aus dem Pädophilen auch durch das Netz ein Pädokrimineller geworden ist.
Um diesen Zusammenhang ging es: Pädokriminelle nutzen das Netz intensiv. Sie nutzen das Netz, um sich auszutauschen, zu ermutigen oder Tipps zu geben. Sie nutzen das Netz, um den Kontakt mit Kindern und Jugendlichen zu intensivieren (wie der jüngst verurteilte Lehrer in Hamburg) und sie nutzen das Netz um überhaupt erst Kontakt mit Kindern und Jugendlichen aufzubauen. Darüberhinaus gibt es ein massives Problem mit Kinderpornografie im Netz, sei es zum Verkauf, Vertrieb oder die Werbung.
2) Jörg Rupp unterstellte in seinem Tweet, später auch in diversen Blogposts, auf der Seite der taz und in einem der rezensierten Bücher („Im Netz“ von Julia Weiler) werde das Netz zur Ursache für sexuelle Gewalt erklärt. „Das böse Internet, die bösen Pädokriminellen und die sozialen Netzwerke – da passiert das alles“, heißt es bei Rupp.
An keiner Stelle auf der taz-Seite noch im Buch Julia von Weilers steht so etwas – im Gegenteil heißt es dort wörtlich: Kinderpornografie „ist keine Erfindung des bösen weltweiten Netzes“.
3) Jörg Rupp bezichtigt die Organisation „Innocence in Danger“, deren deutsche Sektion die Autorin seit vielen Jahren leitet, dass sie nichts für den Kinderschutz tue und nur an Charity-Events interessiert sei. Das ist schlicht falsch:
Innocence in Danger (IID) ist eine anerkannte Einrichtung, die Aufklärung und unmittelbaren Kinderschutz verwirklicht. Julia Weiler hat gemeinsam mit dem „Bundesverein zur Prävention“ das erste nationale Infotelefon gegen sexuellen Missbrauch ins Leben gerufen, N.I.N.A. IID entwickelte und bezahlt mehrere vorbildliche Aufklärungsprogramme und -stücke wie das partizipative Film-Theater „offline“. IID veranstaltet wissenschaftlich begleitete Erholungskuren für missbrauchte Kinder. IID hat soeben für „smart user Peer2Peer“ einen Preis des „Bündnis für Kinder“ bekommen – die Juroren waren ein exzellent besetzter Fachbeirat. Das sind alles kluge, sensible und fachlich exzellente Programme.
IID ist Teil eines Netzwerks gegen sexuelle Gewalt und Kinderpornografie. Die wichtigen Jobs der täglichen Hilfe machen kleine Organisationen und Initiativen wie Petze, Strohhalm, Berliner Jungs, Wildwasser, Zartbitter, Innocence in Danger und viele viele mehr. Die Studien im Auftrag der „Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch“ zeigen eindrücklich, dass ein akuter Mangel an Hilfe und Unterstützung für solche Organisationen der Betroffenenhilfe besteht. Es gibt in diesem Land eher eine Tradition des Täter- als eine des Opferschutzes.
- Diese Organisationen kämpfen gegen Kinderpornos, ihre Hersteller und Nutzer – Jörg Rupp hat einen verurteilten Nutzer als Zeugen angeführt.
- Diese Organisationen leiden in ihrer täglichen Arbeit unter bagatellisierenden Begriffen wie dem der „alten Kinderpornoleier“ – Jörg Rupp hat einen solchen Begriff benutzt.
- Jörg Rupps Blogeinträge dienen gar Attacken von Kommentatoren auf das gesamte Netzwerk gegen Missbrauch und sexuelle Gewalt.
Das war es, was mich zu dem Begriff „grüner Kinderpornolobbyist“ provozierte. Es war falsch und ich entschuldige mich dafür. Christian Füller
Lustvolle Selbstunterwerfung
Analysten, Börsen, Kunden – die Welt ist besoffen von Apple-Produkten. Und unterwirft sich freiweillig Standards und Bedingungen. Aber ein jailbrake wird kommen
VON CHRISTIAN FÜLLER
Süßer die Äpfel nie waren. Keine Woche, nachdem der kalifornische Hersteller von Computern mit Flair einen neuen Markt ins Visier genommen hat, verkündete er nun die Quartalszahlen. Nein er röhrte sie hinaus, 37 Millionen smartphones verkauft, 15 Millionen Tablets, der Umsatz allein des Weihnachtsquartals 2011 liegt über dem Gesamtergebnis des Jahres 2009.
Apple ist bereits ein Weltmarkt-Gigant, aber das Wachstum scheint unbegrenzt. Auch die Kontrahenten Microsoft und Google, die selbst Mega-Player sind, können da nicht mit.
Jedenfalls scheint es so. Ein kleiner Blick auf den Teilmarkt der iPods zeigt aber, dass auch globale Märkte Sättigungen hinnehmen müssen. Minus 20 Prozent! Sollte so ein Ergebnis beim Kassenschlager iPhone eintreten, und das muss ja so sein, weil sich nicht mal Telefonjunkies alle drei Monate ein neues Handy kaufe, dann wehe dem, was die Analysten verbreiten werden. Schon als Steve Jobs ins Grab sank und Tom Cook den Joystick weiterreichte, unkten die Business- und Tech-Kassandras: jetzt kann's nur noch bergab gehen. Ein Tal wird kommen.
Aber der Apfel hat vorgesorgt. Mit dem Abbrennen des Quartalsfeuerwerks IV 2011 wird deutlich, wie strategisch bedeutsam der Angriff auf den Bildungsmarkt vergangene Woche war. Apple füttert damit künftige Kunden an – Schüler. „Wir streben mittelfristig an, den Schülern ihr Tablet mit nach Hause zu geben“, berichtet der Leiter einer Hautschule am Rande des Ruhrgebiets. In der Schule gibt es neuerdings zwei siebte Klassen mit iPads. Einen besseres Marketing für den Kalifornischen Computerhersteller ist schwer denkbar. Die Teenies brechen in regelrechtn Torjubel aus, wenn sie das hören. Fragt man sie aber beispielsweise, ob sie mal einen Moodle-Kurs besuchen wollen (Moodle ist eine an Schulen übliche, relativ leicht zu bedienende Lernplattform), dann fragen sie genervt: „Was ist das denn?“
Aber der Tablet-PC ist nicht nur ein Werbegag. Die Wunderflunder, die inzwischen alle anderen Hersteller auch auf den Markt bringen, ist derzeit das klassenzimmerfreundlichste IT-Endgerät. Der Tablet-PC ist sofort an, er wirkt wie eine natürliche Übersetzung des Buchs ins Digitale – und er enthält eine unendlich steigerbare Anzahl an Applikationen. Derzeit gibt es bereits Tausende solcher Lern-Apps, sie gehen von einfachen Wörterbüchern über Buchschreib-Apps wie „Book Creator“ bis hin zu Überraschungen wie dem App „famous books“ - das niemand anders als die Bayerische Staatsbibliothek herstellt.
In diesen „Treasures of the Bavarian States Library“ finden sich unter anderem gescannte Faksimiles der Gutenberg-Bibel. Das digitale Buch-App frisst gewissermaßen seinen Ahnherrn. Das ist die eine Pointe, die andere, wichtigere ist diese: Apple braucht nicht selber Inhalte herstellen, die Profis für den Content sind die bisherigen. Das heißt, der Standard, den der Apfel setzt, ist kein erzwungener, sondern einer mit hohem Sexieness-Faktor: Wer etwas auf sich hält, stellt ein App her. Den Rest entscheidet der Markt. Und der steht sperrangelweit offen für das iPad, dessen dritte Generation bald auf den Markt kommen wird. Die schönste Diktatur ist immer noch die der lustvollen Selbstunterwerfung.
„Apple hat eine Dekade investiert, um ein komplettes Ökosystem von Hardware, Software und online-Kaufhäusern aufzubauen“, schreiben die Analysten ehrfürchtig, und sie haben ja Recht. Konkurrenz ist möglich – innerhalb des Apfel-Kosmoses, etwa wenn es darum geht, das beste Lern-App herzustellen. Allerdings gibt es keinen Standard, der sich nicht selbst verdauen würde. Schon mokkieren sich die ersten Lehrer-Blogger, die digitalen Buchprodukte seien nicht ausgereift. Wer wirklich etwas auf sich hält, kauft nicht bloß einen Apfel, sondern knackt die Sperren, Sicherungen und Ortungsmechanismen von Big-Brother Steve. Gott hab ihn selig! Aber ein jailbrake wird kommen.

