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21.08.2010
00:23

Warum lisarosa nicht Diane Ravitch spielen sollte

Oder: Was tun mit Herrn Frust, Frau Baldpension und Kollege Ohnemich

Der Blog-Text hat heftige Reaktionen ausgelöst, siehe Kommentare unten und die Tweets von @cervus@lisarosa etc oder jetzt auch den nachdenklichen Blog-Post von Felix Schaumburg @schb. pisaversteher wird hier eine Doku der tweets anlegen, damit klar wird, was er mit der Wagenburg um die rest-in-peace-Lehrer meint. Einstweilen dazu noch ein altes Stück über Lehrer: "Sind sie faule Säcke oder arme Schweine?" (Siehe unten) - und ihre enorme Bedeutung für Schulreform. Viel Spaß!

@sebaso @cervus die frage ist: schmeisst du doofe lehrer sofort raus? was bewirkt das in der schule? #faulesaecke #schulreform

Mein Tweet zur überbordenden us-amerikanischen Debatte über Obamas Bildungsprogramm „Race to the top“ hat sogar in Hamburg und im tiefen Bayern die Nerven blank gelegt: Mit einem Tweetgewitter reagiert @lisarosa, auch @vilsrip bekommt einen puteroten Kopf wegen des bösen Lehrerbashings.

Mitverantwortung für tote Schulen

 

Lisarosa spricht ausgerechnet die wichtigste Gruppe von jeder Mitverantwortung an toten Schulen frei: die Lehrer – und fordert differenziert hinzuschauen. Sie aber verleiht pauschal allen Lehrern den Persilschein, mit dem Niedergang der Schulkulturen nicht zu tun zu haben. Das ist in dieser Undifferenziertheit nicht hinnehmbar.

RT @lisarosa: @ciffi Lehrerbashing führt bei mir zu extremem Widerstand // Dito.

Wie jeder weiß, der hin und wieder mit offenen Sinnen eine Schule betritt, und wie übrigens kilimandscharohohe Berge von Studien zeigen: Lehrer zählen, positiv. Aber: schlechte Lehrer zählen viel mehr. Sie lähmen tausende deutscher Schulen, weil sie in der inneren Emigration oder Frustration sind; sie blockieren beinahe jedes Reförmchen, das es tatsächlich bis zu ihnen schafft. Sie ziehen Kollegen runter. Und sie verfahren nach dem Motto:

Wir machen alles mit – sobald ihr Tausende Lehrer zusätzlich einstellt. Vorher geschieht gar nichts. Siehe z.B. den Leserbrief von Wulff zum taz-Interview mit Roland Seidl über das Übel Gleichschritt.

Das ist nichts anderes als Erpressung. Lehrer, genauer eine bestimmte Spezies unter ihnen, nimmt Schulen und Kinder als Geisel für die eigene Indolenz. Das sage übrigens nicht ich, das sagen die Lehrer selbst, und zwar die guten über ihren scheintoten Kollegen.

Krokodilsprinzip: Alle still liegen bleiben, dann gibts Geld

 

Wenn ich mal einen kursorischen Blick über ein mir ganz gut bekanntes Kollegium schweifen lasse, dann befinden sich dort eine Handvoll echter aktiver Leistungsträger, die sofort besser Schule machen wollen.

Sie werden am stärksten geblockt von: Einer immobilen Gruppe von Lehrern, die nach dem Krokodilsprinzip verfährt. Möglichst still liegenbleiben - dann regnet es Geld.

Was mich schwer wundert, ist dass die hiesige Lernenzwonull-Blogosphäre völlig ausblendet, welche Prinzipien sie vertritt – und für welche die Ruhet-in-Frieden-Fraktion im Lehrerzimmer steht. Die einen wollen aus starren Zeitfenstern und Lernformen raus, sie gieren nach individuellen Lernmethoden, partizipativen Projekten und kollaborativen Formaten. Daneben steht eine Pauker-Gruppe, welche die Arme fest verschränkt und all dies für unmöglich hält oder als sinnlosen Blödsinn empfindet. Und ausgerechnet die Web2.0.-Community baut nun einen Schutzwall gegen pauschales Lehrerbashing auf. Tztztz.

Was tun mit failing teachers?

 

Ich empfehle, sich die einzelnen Elemente des race-to-the-top #rttt mal näher anzusehen (außer dem bekloppten Titel). Dann wird man feststellen, dass es sehr interessante Punkte darin gibt – wie die Überlistung der faulen Bundeststaaten (-länder) durch einen Wettbewerb; die Ausrichtung an Bildungsarmut und failing schools etc. Es gibt ein Bündel hochspannender Fragen zu diskutieren. Dass man aber um eine Antwort auf die Frage: „Was tun mit failing teachers?“ nicht herumkommt, ist unbestritte

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09.08.2010
22:14

Race to the Top – from the bottom

In Deutschland ist die flächendeckende Schulreform von oben gescheitert. Aber unten geht es munter vorwärts

Mir sind die Rückblicke auf den Hamburger Volksentscheid zu selbstgewiß und zu hämisch. Die Schulreformer beziehen im nachinein zu viel Prügel. Immer wieder hört man, die Senatorin Goetsch habe zu viel gewollt und zu wenig erklärt. Sei ja logo, dass das schief gegangen sei.

Das kann so sein, aber ich biete eine andere These: Den Scheuerls und den Guccis hätte man erklären können, so viel man will – die hätten da nie mitgemacht. Nein, der niedergeschmetterte Teil der Schulreform verweist auf die komplizierte Frage: Wie kriege ich eine Reform von Schule und Lernen Richtung 21. Jahrhundert hin – von oben oder von unten?

Da steht ein ODER. Natürlich müsste man das irgendwie von unten UND von oben machen. @lisarosa schreibt ganz lässig, gerade so als wäre es eine Selbstverständlichkeit:

„nicht entweder /oder sondern vor ort + von oben + rechtzeitiger partizipation von unten = finnische strategie. auch bei uns richtig.“

Ja, die Theorie ist schön, so schön – aber sie klappt halt nicht. Denkt irgendjemand, wenn man wir-wollen-für-uns-lernen und Dr. Spitzfindig Scheuerl früher hätte partizipieren lassen, dass sie bzw. er für die sechsjährige Primarstufe zu gewinnen gewesen wäre? Was für eine Naivität! Scheuerl war ganz früh einbezogen – und hat deswegen die große Windmaschine anstellen können. Er hat Partizipation par excellence betrieben – gegen die Reform.

Schulreform von oben versagt seit 200 Jahren

Nein, die Schulreform von oben versagt – wenn man so will – seit 200 Jahren. Von olle Humboldt 1809 beginnend versuchen die Deutschen ihr zutiefst undemokratisches Schulwesen zu öffnen, zu entprivilegieren, teils mit fremder starker Hilfe wie etwa US-Oberbefehlshaber Lucius D. Clay. Allein, es klappt nicht. Verschärft hat sich das in den letzten 10 Jahren. Nach dem Pisaschock hätte es nur eine korrekte Antwort geben können: Demokratie und Effizienz jetzt sofort! Aber die kam nicht.

Unterschichtsfabriken vs. 21st Century Schools

Erst haben die Kultusminister das jahrelang abgelehnt und nun halt das Hamburgische Volk. Und, bitte, Vorsicht. Auch die relativ weit reichenden Reformpläne Bremens und Berlins sollte man nicht vorschnell als Beleg für gelungene Umstellungen von Frontbeladung, Auslese und Unterschichtsfabriken auf individuelles Lernen, Fördern und 21st Century Schools zitieren. Erstens sind beides Stadtstaaten, zweitens ist die Reform dort noch ganz am Anfang. Kritische Wiedervorlage nicht ausgeschlossen.

Was ist die Alternative? Die Schulreform von unten. Sie ist keine faule Ausrede und keine Flucht vor den Hamburger Porsche-Fahrern. Die Schulreform von unten läuft die ganze Zeit schon, und sie ist, mit Verlaub, ein Riesenerfolg. Die in den letzten 15, 20 Jahren entstandenen neuen Schulen wie die Kleine Kielstraße in Dortmund, die Münsteraner Wartburgschule, die Max-Brauer in Hamburg und die Jenaplan in Jena, die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim oder die Exoten wie die Templiner Waldhofschule oder die Klinikschule Hindelang, diese Schulen sind Superschulen, echte Leuchttürme, die sich vor Besuchern kaum retten können.

Die besten Schulen der Welt: durch Schulreform von unten

Und zurecht. Was es dort an Lern- und Lehrkultur des 21. Jahrhunderts zu bestaunen gibt, ist einzigartig. Es kann sich überall sehen lassen. Diese Schulen gehören zu den besten der Welt. Sie haben nur einen Fehler: Es gibt sie immer nur als Unikat, sie sind wahnsinnig individuell – auch wenn sie sich in der Methode, im Arrangement und in der Philosophie sehr ähnlich sind: no child left behind! Alle Schüler, die sie haben, sind die richtigen, sie gehören dazu!

Das aber ist die Crux – und der groteske Vorwurf, den man an diese Schulen richtet: Ihr seid so wenig! Und: Können das denn wirklich alle? Auch die Stinoschule um die Ecke?

Ja und Nein. Ja, das könnten alle können. Aber nicht auf Befehl von oben und nicht als Klonarmee, die wie bei Star Wars aus der Fließbandretorte marschiert, um das Universum des Lernens zu erobern.

Kein Masterplan

Deswegen hat @lisarosa recht, dass man das von unten UND von oben machen muss, Schulen verändern. Aber sie hat nicht recht, wenn sie so tut, als gäbe es dafür eine Blaupause, ein Klonrezept oder einen Masterplan.

„sowas ist normales gutes Change Management und das haben die Finnen angewendet“, schrieb auch @tliebscher selbstverliebt. Und genau das – ist es eben nicht.

Das change management, das Goetsch und Bürgermeister Beust in Hamburg anzuwenden hatten, war nämlich nicht normal, sondern superkomplex. Sie mussten eine Schulreform von oben UND eine unten organisieren.

Schau mer mal, wies geht?

Das brachte sehr diffizile, ja widersprüchliche Anforderungen mit sich: Unten werben, Schulen und Lehrer mitnehmen – das hat weitgehend geklappt. Oben Mehrheiten organisieren und durchsetzen, auch hart die flächendeckende Variante der sechsjährigen Primarstufe propagieren – damit nicht der absurde, zerstörerische Berliner Flickenteppich entsteht. Das hat auch deswegen nicht geklappt, weil man oben, sprich in der PR-süchtigen Öffentlichkeit härter, alerter und fertiger argumentieren musste als man es in Wahrheit unten wusste. Und - darauf weist Wolfgang Edelstein zurecht hin - weil man jene, deren Kinder von der Reform besonders profitieren sollten - die wenig Bildungsorientierten -, eben ganz anders ansprechen muss. Man stößt hier, das ist eine Lehre aus der schrecklichen Wahlbeteiligung unter Hatz-IV-Empfängern, an die Grenzen der Demokratie.

Manch ein Schulreformer unten fragte sich zwischendurch – zurecht!, - woher die Goetsch denn ganz genau wissen konnte, wie es geht. Nur weil die Max-Brauer-Schule es schon zweimal geschafft hat, sich neu zu erfinden? Und war nicht genau diese Brauerschule plötzlich gegen die Reform? Aber Goetsch musste ja alles wissen, jedenfalls so tun. Man kann nicht eine Schulreform mit dem Beckenbauer-Argument „Schau mer mal“ im Parlament verkünden. Man kann aber auch nicht zugleich unten sagen, „ich weiss schon, wie das alles geht!" – zu Leuten, die es nur selber wissen und machen können.

Ich glaube, niemand hat sich mehr innerlich gewunden als Christa Goetsch, dass es eben keine positive Reformkultur gab und sie deswegen an der einen oder anderen Stelle mehr behaupten musste, als sie wirklich wusste.

Kulturrevolution des Lernens: Das Gymnasium nicht mehr NUR für euch

Das ist die Widersprüchlichkeit: Die Schulreform unten muss eine Kulturrevolution des Lernens entfachen – und dabei nett sein und funktionierende Einheiten schaffen. Die Schulreform von oben muss bürgerliche Gewissheiten aus zwei Jahrhunderten zerstören. Sie muss das Versprechen brechen, das der spätabsolutistische Staat seinen Bürgern gab, auf dass sie keine Revolution machen: Das Gymnasium ist für Euch Schöne und Reiche – und zwar nur für Euch!

Das geht nicht so einfach zusammen, wie sich mancher bloggende Schlauberger denkt.

P.S. Man muss nur in die USA schauen, wie dort Schulreform durchgepeitscht wird, um zu verstehen, wie scharf die Widersprüche sein können. Im „Race to the Top“ verspricht Obama Milliarden für jene Bundesstaaten, die ihre Schulen von Unterschichtsfabriken in funktionierende Lernorte des 21. Jahrhunderts verwandeln wollen. Er gibt ihnen die Freiheit, dafür halbe Belegschaften auszutauschen. Teilweise muss die Hälfte der Lehrer aus failing schools gehen – und es kommen scharenweise neue Lehrer und andere Organisationen, die versuchen, aus dem Stand eine neue Schulkultur zu entwickeln.

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08.08.2010
18:14

Charter Schools als Reformmotoren

Hilfe für die Hoffnungslosen

Hier gehen hoffnungslose Generationen in die Schule«, sagt Angelika Klein-Beber. »Viele Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss.«

[Auszug aus: "Ausweg Privatschulen? Was sie können, woran sie scheitern" Hamburg 2010]

Klein-Beber ist Anwältin und Gründerin einer privaten evangelischen Schul-Initiative, die in Berlin-Kreuzberg den schulpolitischen Stillstand beenden will. Beber hat keine Lust, darauf zu warten, bis sich das staatliche Schulsystem verbessert – sie will das Thema selbst in die Hand nehmen. Gemeinsam mit anderen hat sie die Initiative ergriffen, um eine evangelische Schule in Kreuzberg zu gründen.

Skeptisch gegen Privatschulen

Dem Begriff Privatschule steht Klein-Beber skeptisch gegenüber: »Wir sind keine private Schule, sondern ein freier Träger«, betont sie. Die Gebühren der Schule wären maßvoll. Maximal 150 Euro monatlich, das sei nicht vergleichbar mit dem fünfstelligen Schulgeld, das man für englische Privatschulen jährlich aufbringen müsse. Und natürlich stünde ihre Schule für Muslime offen, genau wie etwa in der evangelischen Schule des Nachbarbezirks, wo etwa ein Drittel der Schüler muslimischen Glaubens seien.

Der Bezirk sagt Njet

Egal aber wie visionär oder professionell die Ideen der Schulgründer sein mögen. In das Gebäude der staatlichen Rosegger-Schule dürfen sie nicht hinein – weil Kreuzbergs Lokalparlament Angst hat, eine Privatschule könne den umliegenden Schulen Konkurrenz machen. Sie haben beschlossen, staatliche Schulgebäude grundsätzlich nicht an Privatschulen zu vergebeb. Damit ist Klein-Beber die x-te Initiative, die in Kreuzberg Schule verbessern will, aber daran gehindert wird. Der schulpolitische Sprecher der SPD sagt zur Begründung, eine private Schule könnte die umliegenden staatlichen Schulen »kannibalisieren«.

Schluss mit der Blockade

Vielleicht ist es Zeit, in Kreuzberg aus dem wechselseitig blockierten Entweder-staatliche-Schule-oder-private-Schule zu entkommen. Durch ein sowohl als auch. Sowohl staatliche Schule als auch private Schule. Also zum Beispiel eine kommunale Schule nach dem Jenaer Modell oder eine Charter School nach dem Vorbild Geoffrey Canadas in New York-Harlem. Dann müssten die Kreuzberger die Verantwortung nicht mehr auf den Berliner Schulsenator schieben. Sondern sie hätten selbst die Kompetenz, eine gute Schule anzuschieben. Angelika Klein-Beber müsste sich bei sich selbst nicht mehr dafür entschuldigen, dass sie eine Privatschule gründen will. Dann könnte man endlich ein gutes frei-öffentliches Schulmodell in Kreuzberg testen. Und Vorbild werden für die vielen Regionen, die eine eigene Regional- oder Charter School entwickeln wollen.

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05.08.2010
23:21

Schulreform von unten - oder gar nicht

Kommentar im Deutschlandfunk 24. Juli

Hamburg hat schulpolitische Geschichte geschrieben. Mitte Juli lehnten es 276.304 Bürgerinnen und Bürger in der Hansestadt ab, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern und pädagogisch aufzuwerten. 

Es lässt sich trefflich darüber lamentieren, ob das Volk falsch oder parteilich oder irgendwie ungerecht abgestimmt habe. Oder ob es überhaupt DAS Volk war, wenn vor allem die reichen und gebildeten Hamburger Stadtteile die schwarz-grüne Schulreform ablehnten.

Fakt ist: Eine deutliche Mehrheit lehnte die sechsjährige Primarschule per Plebiszit ab. Das bedeutet: Der Slogan "länger gemeinsam lernen" ist verbrannt.

Kein Schulreformer in der Republik sollte so dumm sein, die Formel einfach weiter zu verwenden - etwa mit dem arroganten Hinweis, die Hamburger Schnöseleltern hätten halt nicht verstanden, was auf dem Spiel steht. 

Dennoch ist die schulpolitische Lage seit Sonntagabend 22 Uhr, als der 56-Prozentsieg der Initiative "Wir wollen lernen" amtlich bestätigt wurde, nicht leichter geworden. Ja, das Volk hat Nein zu einer Demokratisierung der Grundschule gesagt. Ja, es stimmt aber auch, dass es eben kein ideologisches Konstrukt war, was der Erste Hamburger Bürgermeister Ole von Beust und seine eifrige Schulsenatorin auf den Weg bringen wollten. Sondern dass es dafür handfeste empirische Gründe gab: Fast in keiner deutschen Stadt sind die Schulen so schlecht wie in Hamburg etwa die Hauptschulen. Acht von zehn Schülern dort können kaum lesen. Man nennt diese Gebilde in Forscherkreisen nicht umsonst Schulen der Hoffnungslosigkeit oder gern auch Unterschichtsfabriken.

prepare to prison

Wie bitte soll die erste und am meisten globalisierte Stadt Deutschlands, die Hafenstadt Hamburg, Wohlstand und Bürgerrechte sichern, wenn 25 bis 30 Prozent ihrer Jugendlichen weder berufs- noch lesefähig sind? Und in Essen, Dortmund, Frankfurt, in Berlin und Bremen sowieso, aber auch in Stuttgart und München ist es doch nicht anders: An der Isar nennt man Hauptschulen in bestimmten Stadtbezirken mittlerweile "prepare to prison" - denn sie haben ja objektiv die soziale Zusammensetzung von Justizvollzuganstalten.

Die Kürze der hiesigen Grundschule steht damit in ziemlich engem Zusammenhang. Man muss da gar keine Pisastudien lesen, wo klar bewiesen wird, dass die Auslese zum Gymnasium nicht nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft erfolgt. Man muss nur Unterschichtseltern fragen, wie chancenlos ihre Kinder nach vier Jahren sind. Oder gern auch Mittelschichtsfamilien, wie sehr ihnen der enorme Druck auf die Nerven geht, der heute bereits auf Drittklässler ausgeübt wird. Die Flucht aus dem staatlichen Schulsystem ist vor allem in der Grundschule ein nicht zu leugnender Fakt.

Grausame Zwickmühle

Hamburgs Eltern und Volksbegehrer haben die Republik also in eine grausame Zwickmühle manövriert.

Auf der einen Seite werden bereits die Messer gewetzt, um Volksentscheide im Saarland und Nordrhein-Westfalen vorzubereiten. Motto: Finger weg von den Schulen! Im Saarland soll es bald eine fünfjährige Grundschule geben; in NRW sind ein Drittel neuer Gemeinschaftsschulen geplant, die ihre Schüler bis zur sechsten Klassen gemeinsam unterrichten dürfen.

Auf der anderen Seite greifen die Demografie und die Wirtschaft das bestehende Schulsystem viel schärfer an als linke Schulreformer: In den großen Bundesländern, den Big Five, wo 75 Prozent der deutschen Schüler zur Schule gehen, steht ein beispielloses Schulsterben bevor.

Hunderte, ja Tausende Hauptschulen werden in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen eingehen -  wegen Schülermangels.

Gleichzeitig ruft die Industrie immer lauter nach immer radikaleren Reformen: Von der Einschulung mit vier Jahren bis hin zur Verschmelzung von Haupt- und Realschulen ist da alles im Programm, was man sich denken kann.

Mega-Unternehmen Schule vor dem Kollaps


Was also tun? Schulfrieden gewähren - und alle Verbesserungen einstellen? Oder ein, wie nicht wenige fordern, ein bundeseinheitliches Schulsystem schaffen? Beide Forderungen sind nachvollziehbar -- und doch Kokolores. Fast 400.000 Lehrer gehen bald in den Ruhestand. Wer glaubt, er könne die Hälfte des Mega-Unternehmens "Deutsche Schule" veränderungslos ins 21. Jahrhundert führen, der ist genauso realitätsblind wie derjenige, der meint, er könne dem alten Föderalismus sein Herzstück herausreißen - die Kulturhoheit. 

Nein, die Schulreform ist tot - es lebe die Schulreform. Nur, dass sie nicht mehr von oben betrieben wird, als flächendeckende Zwangsbeglückung. Die Schulreform "post Hamburg-Plebiszit" ist die lokale. Wo kopfschüttelnde Eltern plötzlich zu engagierten Helfern werden, wo Bürgermeister und Unternehmer gemeinsam für eine Schule von morgen arbeiten.

Das Schöne an dieser Regionalschule ist übrigens, dass sie ungeahnte Koalitionen hat. Da streiten grüne Rebbelnbürgermeister einträchtig mit CSU-Stadräten, da kämpft die "Montagsstiftung" mit ihrem regionalen Schulentwicklungsprogramm Seit an Seit mit Bundesbildungsminister Annette Schavan (CDU), die ein Projekt "Lernen vor Ort" mit Millionenbeträgen stützt.

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10.01.2010
20:18

Dr. Martensteins Gruselkabinett

Der Kolumnist als letzter Ideologe

Harald Martenstein gilt als einer der hübschesten Schönschreiber. Seine Kolumnen in Tagesspiegel und ZEIT entzücken immer wieder.  Gern räsoniert Martenstein immer wieder auch über Bildungsfragen - und erweist sich dabei als einer der letzten Ideologen. Pisaversteher hat ein Grusel-Best of des jüngsten Textes im Tagesspitzel zusammengestellt. "Die Theoretiker der Erziehung sind die letzten Ideologen." Ähnlich argumentiert die FAZ v. 2. Februar 2010. 

(Siehe auch "Klassenkampf der Bildungsbürger", taz, und Twitter unter dem Hashtag bzw. Stichwort #letzterideologe)

„Bildung ist für zehn oder fünfzehn Prozent der Bevölkerung objektiv wertlos geworden.

„Eltern, die ihre Elternschaft ernst nehmen, werden immer für eine möglichst gute Ausbildung ihrer Kinder kämpfen, gesellschaftliche Probleme und das Wohl anderer Kinder werden ihnen vergleichsweise, und völlig zu Recht, egal sein.

„Das Gymnasium hat seit zweieinhalbtausend Jahren bewiesen, dass es funktioniert.“

„Dauerarbeitslose verhalten sich rational, wenn … (sie) ihre Lebensfreude im Alkohol oder auch in der Kriminalität suchen. Haben sie eine Alternative? Würde ihnen ein Hauptschulabschluss etwas bringen?“

„Jetzt braucht man bei uns das Proletariat nicht mehr (…) die Mühen der Selbstdisziplin sind sinnlos geworden, auch die Mühen der Erziehung.“

„Wenn das Bildungssystem heute nicht einmal mehr in der Lage ist, jedem Lesen und Schreiben beizubringen, dann hängt das (...) damit zusammen, dass Bildung für zehn oder fünfzehn Prozent der Bevölkerung objektiv wertlos geworden ist. Es gibt für sie keine Chancen.

„Jetzt wird die Hauptschule abgeschafft, aber die Hauptschüler kann man nicht abschaffen, sie bleiben. (…) Sie werden jetzt ihre Hoffnungslosigkeit und ihre berechtigte Wut in die ehemaligen Realschulen tragen.“

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