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09.08.2010
22:14

Race to the Top – from the bottom

In Deutschland ist die flächendeckende Schulreform von oben gescheitert. Aber unten geht es munter vorwärts

Mir sind die Rückblicke auf den Hamburger Volksentscheid zu selbstgewiß und zu hämisch. Die Schulreformer beziehen im nachinein zu viel Prügel. Immer wieder hört man, die Senatorin Goetsch habe zu viel gewollt und zu wenig erklärt. Sei ja logo, dass das schief gegangen sei.

Das kann so sein, aber ich biete eine andere These: Den Scheuerls und den Guccis hätte man erklären können, so viel man will – die hätten da nie mitgemacht. Nein, der niedergeschmetterte Teil der Schulreform verweist auf die komplizierte Frage: Wie kriege ich eine Reform von Schule und Lernen Richtung 21. Jahrhundert hin – von oben oder von unten?

Da steht ein ODER. Natürlich müsste man das irgendwie von unten UND von oben machen. @lisarosa schreibt ganz lässig, gerade so als wäre es eine Selbstverständlichkeit:

„nicht entweder /oder sondern vor ort + von oben + rechtzeitiger partizipation von unten = finnische strategie. auch bei uns richtig.“

Ja, die Theorie ist schön, so schön – aber sie klappt halt nicht. Denkt irgendjemand, wenn man wir-wollen-für-uns-lernen und Dr. Spitzfindig Scheuerl früher hätte partizipieren lassen, dass sie bzw. er für die sechsjährige Primarstufe zu gewinnen gewesen wäre? Was für eine Naivität! Scheuerl war ganz früh einbezogen – und hat deswegen die große Windmaschine anstellen können. Er hat Partizipation par excellence betrieben – gegen die Reform.

Schulreform von oben versagt seit 200 Jahren

Nein, die Schulreform von oben versagt – wenn man so will – seit 200 Jahren. Von olle Humboldt 1809 beginnend versuchen die Deutschen ihr zutiefst undemokratisches Schulwesen zu öffnen, zu entprivilegieren, teils mit fremder starker Hilfe wie etwa US-Oberbefehlshaber Lucius D. Clay. Allein, es klappt nicht. Verschärft hat sich das in den letzten 10 Jahren. Nach dem Pisaschock hätte es nur eine korrekte Antwort geben können: Demokratie und Effizienz jetzt sofort! Aber die kam nicht.

Unterschichtsfabriken vs. 21st Century Schools

Erst haben die Kultusminister das jahrelang abgelehnt und nun halt das Hamburgische Volk. Und, bitte, Vorsicht. Auch die relativ weit reichenden Reformpläne Bremens und Berlins sollte man nicht vorschnell als Beleg für gelungene Umstellungen von Frontbeladung, Auslese und Unterschichtsfabriken auf individuelles Lernen, Fördern und 21st Century Schools zitieren. Erstens sind beides Stadtstaaten, zweitens ist die Reform dort noch ganz am Anfang. Kritische Wiedervorlage nicht ausgeschlossen.

Was ist die Alternative? Die Schulreform von unten. Sie ist keine faule Ausrede und keine Flucht vor den Hamburger Porsche-Fahrern. Die Schulreform von unten läuft die ganze Zeit schon, und sie ist, mit Verlaub, ein Riesenerfolg. Die in den letzten 15, 20 Jahren entstandenen neuen Schulen wie die Kleine Kielstraße in Dortmund, die Münsteraner Wartburgschule, die Max-Brauer in Hamburg und die Jenaplan in Jena, die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim oder die Exoten wie die Templiner Waldhofschule oder die Klinikschule Hindelang, diese Schulen sind Superschulen, echte Leuchttürme, die sich vor Besuchern kaum retten können.

Die besten Schulen der Welt: durch Schulreform von unten

Und zurecht. Was es dort an Lern- und Lehrkultur des 21. Jahrhunderts zu bestaunen gibt, ist einzigartig. Es kann sich überall sehen lassen. Diese Schulen gehören zu den besten der Welt. Sie haben nur einen Fehler: Es gibt sie immer nur als Unikat, sie sind wahnsinnig individuell – auch wenn sie sich in der Methode, im Arrangement und in der Philosophie sehr ähnlich sind: no child left behind! Alle Schüler, die sie haben, sind die richtigen, sie gehören dazu!

Das aber ist die Crux – und der groteske Vorwurf, den man an diese Schulen richtet: Ihr seid so wenig! Und: Können das denn wirklich alle? Auch die Stinoschule um die Ecke?

Ja und Nein. Ja, das könnten alle können. Aber nicht auf Befehl von oben und nicht als Klonarmee, die wie bei Star Wars aus der Fließbandretorte marschiert, um das Universum des Lernens zu erobern.

Kein Masterplan

Deswegen hat @lisarosa recht, dass man das von unten UND von oben machen muss, Schulen verändern. Aber sie hat nicht recht, wenn sie so tut, als gäbe es dafür eine Blaupause, ein Klonrezept oder einen Masterplan.

„sowas ist normales gutes Change Management und das haben die Finnen angewendet“, schrieb auch @tliebscher selbstverliebt. Und genau das – ist es eben nicht.

Das change management, das Goetsch und Bürgermeister Beust in Hamburg anzuwenden hatten, war nämlich nicht normal, sondern superkomplex. Sie mussten eine Schulreform von oben UND eine unten organisieren.

Schau mer mal, wies geht?

Das brachte sehr diffizile, ja widersprüchliche Anforderungen mit sich: Unten werben, Schulen und Lehrer mitnehmen – das hat weitgehend geklappt. Oben Mehrheiten organisieren und durchsetzen, auch hart die flächendeckende Variante der sechsjährigen Primarstufe propagieren – damit nicht der absurde, zerstörerische Berliner Flickenteppich entsteht. Das hat auch deswegen nicht geklappt, weil man oben, sprich in der PR-süchtigen Öffentlichkeit härter, alerter und fertiger argumentieren musste als man es in Wahrheit unten wusste. Und - darauf weist Wolfgang Edelstein zurecht hin - weil man jene, deren Kinder von der Reform besonders profitieren sollten - die wenig Bildungsorientierten -, eben ganz anders ansprechen muss. Man stößt hier, das ist eine Lehre aus der schrecklichen Wahlbeteiligung unter Hatz-IV-Empfängern, an die Grenzen der Demokratie.

Manch ein Schulreformer unten fragte sich zwischendurch – zurecht!, - woher die Goetsch denn ganz genau wissen konnte, wie es geht. Nur weil die Max-Brauer-Schule es schon zweimal geschafft hat, sich neu zu erfinden? Und war nicht genau diese Brauerschule plötzlich gegen die Reform? Aber Goetsch musste ja alles wissen, jedenfalls so tun. Man kann nicht eine Schulreform mit dem Beckenbauer-Argument „Schau mer mal“ im Parlament verkünden. Man kann aber auch nicht zugleich unten sagen, „ich weiss schon, wie das alles geht!" – zu Leuten, die es nur selber wissen und machen können.

Ich glaube, niemand hat sich mehr innerlich gewunden als Christa Goetsch, dass es eben keine positive Reformkultur gab und sie deswegen an der einen oder anderen Stelle mehr behaupten musste, als sie wirklich wusste.

Kulturrevolution des Lernens: Das Gymnasium nicht mehr NUR für euch

Das ist die Widersprüchlichkeit: Die Schulreform unten muss eine Kulturrevolution des Lernens entfachen – und dabei nett sein und funktionierende Einheiten schaffen. Die Schulreform von oben muss bürgerliche Gewissheiten aus zwei Jahrhunderten zerstören. Sie muss das Versprechen brechen, das der spätabsolutistische Staat seinen Bürgern gab, auf dass sie keine Revolution machen: Das Gymnasium ist für Euch Schöne und Reiche – und zwar nur für Euch!

Das geht nicht so einfach zusammen, wie sich mancher bloggende Schlauberger denkt.

P.S. Man muss nur in die USA schauen, wie dort Schulreform durchgepeitscht wird, um zu verstehen, wie scharf die Widersprüche sein können. Im „Race to the Top“ verspricht Obama Milliarden für jene Bundesstaaten, die ihre Schulen von Unterschichtsfabriken in funktionierende Lernorte des 21. Jahrhunderts verwandeln wollen. Er gibt ihnen die Freiheit, dafür halbe Belegschaften auszutauschen. Teilweise muss die Hälfte der Lehrer aus failing schools gehen – und es kommen scharenweise neue Lehrer und andere Organisationen, die versuchen, aus dem Stand eine neue Schulkultur zu entwickeln.

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20.02.2010
15:12

Gibt Pisa Auskünfte über Schulstrukturen?

    [Teil 3 von 10 oft gestellten Fragen zu Pisa]

    Es ist der heftigste und nervigste Streit, der seit dem 5. Dezember 2001, dem Tag der Veröffentlichung der ersten Pisastudie geführt wird: Urteilt Pisa auch über die deutsche Schulstruktur - also das in Sonder-, Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien fragmentierte Schulwesen?

    Selbstverständlich! Über keine andere Frage weiß man seit Pisa so gut Bescheid wie über die nach den Schulformen. Die Gymnasiasten erbringen mit weitem Abstand bessere Pisa-Leistungen als die Hauptschüler. Die Differenz zwischen diesen beiden Gruppen ist so groß wie in keinem anderen Land. Die einen Schüler sind den anderen nach Pisa zwei bis drei Lernjahre voraus – obwohl alle Getesteten gleich alt sind. 

    Das bedeutet: Es gibt sehr gute und es gibt miserable Schulen in Deutschland. Diese ergeben sich aus den Schulformen. Pisa stößt uns mit der Nase darauf.

    Der Abstand zwischen den so genannten Perzentilbändern, also den 5 Prozent besten und 5 Prozent schlechtesten Schülern, ist in Deutschland gigantisch. Und auch die Abstände zwischen den Schulen sind exorbitant hoch. Das ist der durchgehende Befund durch alle Pisastudien.

    Zwei Drittel der Leistungsdifferenzen zwischen Schülern lassen sich in Deutschland durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule erklären. Zum Vergleich: In Finnland tragen die Unterschiede zwischen den Schulen nur zu 5 Prozent zu den Leistungsvarianzen zwischen Schülern bei. Die Ergebnisse der so genannten Varianzaufklärung gelten unter Pisaforschern als der Lackmustest dafür, wie sich die Schulstruktur direkt auf die Schulleistungen auswirkt.

    Das interessante ist nun: In wohl jedem anderen demokratischen Land wäre eine Debatte darüber ausgebrochen, ob es tragbar ist, die einen Schüler in schlechte und die anderen in gute Schulen zu sortieren. Nicht so in Deutschland. Pisa sage nichts über die Schulstrukturen aus, betonen die Kultusminister seit beinahe zehn Jahren – und wollen so etwas wie ein Tabu über die Schulformfrage verhängen.

    Das ist ein bisschen verrückt. Das sieht man am besten am so genannten Lehrerverband. Sein Vorsitzender Josef Kraus wird nicht müde zu betonen, es gebe über Schulformen bei Pisa keinerlei Aussagen zu finden. Zugleich war er aber wahnsinnig stolz, als bei einem Vergleich der Schulformen (Pisa 2003 erweitert) sich das Gymnasium als klarer Sieger erwiesen hatte - seiner Ansicht nach.

    (Es gibt übrigens Pisaforscher wie Jürgen Baumert, die solche Vergleiche aus ethischen Gründen ablehnen. Sie argumentieren, dass es nicht fair ist, in einem nach Leistungen gegliederten Schulsystem die niedrigen Schulen Sonder- und Hauptschulen auch noch öffentlich bloßzustellen.)

    Die Vorsitzenden des Lehrer- und des Philologenverbandes, Josef Kraus und Heinz-Peter Meidinger, haben da wenig Skrupel. Sie fordern erstens die ethisch fragwürdigen Schulformvergleiche und sie zelebrieren zweitens die Schulformaussagen der Pisastudie.

    Die Frage ist: Wie erklärt sich diese Paradoxie? Einerseits benutzt man die Schulformvergleiche aus Pisa – und andererseits schwört man Stein und Bein, Pisa sage gar nichts über Schulformen.

    Die Antwort steht nicht in Pisa, sondern man findet sie in der Psychologie der Interessenvertreter. Kraus' und Meidingers Job ist es, ihre Gymnasien gegen Angriffe zu verteidigen. Wäre es möglich, aus Pisa eine schnelle schulpolitische Konsequenz zu ziehen, so müsste man sofort die Gymnasien abschaffen – weil sie ganz offensichtlich zur Sonderung der Schüler beitragen. Kraus und Meidinger sind dazu da genau das zu verhindern.

    (Zum Vergleich: Die Verfassung schreibt bei Privatschulen vor, dass diese ZU VERBIETEN SIND, wenn sie zur Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen ihrer Eltern führen. Die Gymnasien tun dies noch viel mehr - aber hier verbietet niemand die Gymnasien: Hier untersagt man, über die Gymnasien zu diskutieren.)

    Eine Demokratisierung des deutschen Schulwesens, das muss man dazu sagen, ist allerdings nur schrittweise möglich. Man kann eine historisch gewachsene Schulstruktur nicht über Nacht ändern, selbst wenn dies demokratisch geboten wäre. Besser ist es, behutsame Zwischenschritte zu machen. 

    Pisa ist praktisch eine Schulform-Aufklärungsstudie. Sie gibt uns detailliert Auskünfte über die trennenden Wirkungen der deutschen Schule. Sie verrät uns, dass es nicht etwa ein böser Zufall ist, sondern die Idee des Schulsystems, die Schüler in gute und schlechte zu teilen. Und zwar: nach Leistung und Herkunft.

    Gut, dass Pisa diese Aussage wissenschaftlich untermauert.

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08.02.2010
12:36

Studienrat kennt Schulgeschichte nicht

Pisa lesen - und nicht verstehen (wollen)

Am Freitag wurde bei den Grundschulgesprächen in Hamburg vereinbart, wissenschaftliche Untersuchungen zu Rate zu ziehen. So will man Beweise für die vier- oder die sechsjährige Grundschule hervorzaubern.

Der deutsche Philologenverband hat nun das stärkste Argument aus dem Hut gezogen: Die sechsjährige Grundschule erhöht die soziale Selektivität von Schule. Als Beweis führt Philologenchef Hans-Peter Meidinger das Land Brandenburg an. 

Dort sei die sechsjährige Grundschule eingeführt worden - und, schwups, sofort sei das Land ans Ende der Gerechtigkeitstabelle gerutscht.

Eine putzige Argumentation, die der oberste Studienrat der Nation da ablässt - aus vielen Gründen.

Zunächst das Argument des Hans-Peter Meidinger im O-Ton:

"Ein Blick auf das einzige Bundesland, das in diesem Zeitraum eine verpflichtende sechsjährige Grundschule eingeführt hatte, Brandenburg, fördert Erstaunliches zutage. Nicht nur, dass sich in Brandenburg der Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Bildungserfolg (Steigung des sozialen Gradienten) im Berichtszeitraum 'signifikant' erhöht hat, auch in der Lesekompetenz konnte eine 'tendenzielle Zunahme der sozialen Unterschiede' festgestellt werden." 

Pisaversteher sagt dazu dreierlei:

1) Ist Brandenburg allenfalls ein Superargument FÜR die sechsjährige Grundschule. Denn die Zuwächse beim Gymnasialbesuch sind nirgends so stark wie in Brandenburg. Das heißt, die sechsjährige Grundschule macht also einen Superjob.

2) Die sechsjährige Grundschule für den schlechten Sozialwert im Jahr 2006 verantwortlich zu machen, ist weder intelligent noch logisch. Denn im Jahr 2000 hatte Brandenburg einen Super-Gerechtigkeitswert - und auch damals gab es schon die sechsjährige Grundschule. Wieso sollte also die sechsjährige Grundschule 2006 plötzlich schuld sein, dass der Gerechtigkeitsfaktor absinkt?

(Hintergrund: Bei Pisa 2000 war die Chance eines Akademikerkindes in Brandenburg aufs Gymnasium DOPPELT SO HOCH wie die eines Arbeiterkindes. 2006 ist der Wert fast 5x so hoch. Beide Male übrigens bei gleichen Leistungen! >>> Pisa 2006)

3) ... zeigt Meidinger im Grunde nur, wie schlecht das Gymnasium ist - und besonders dessen Lehrer und Verbandsvertreter. Denn in Brandenburg gab es nur 2x in der Geschichte eine vierjährige Grundschule. 1919 - und 1990 für eine logische Sekunde. Denn in Brandenburg wurde DIREKT NACH DER WENDE die sechsjährige Grundschule eingeführt; vorher gab es die POS, die von Klasse eins bis nach oben wuchs. Mit anderen Worten: Entweder schwindelt Mister Gymnasium die Menschen an, wenn er behaupptet, dass Brandenburg "das einzige Bundesland ist, das in diesem Zeitraum eine verpflichtende sechsjährige Grundschule eingeführt hatte". Oder er hat einfache keine Ahnung von Geschichte. In beiden Fällen ist es oberpeinlich. 

Für was argumentiert Meidinger eigentlich?

Für die Abschaffung des Gymnasiums!

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03.02.2010
19:59

Gebrauchsanweisung

Vier oder sechs Jahre Grundschule?

Mit dem Hamburger Anwalt Walter Scheuerl Entrecote im Cafe Paris zu essen, ist ein großes Vergnügen. Aufgeräumt berichtet der fröhliche Mann von seiner Arbeit und seinem Leben. Allzu gerne würde man mit ihm vielleicht mal einen Wanderweg in den Alpen gehen oder mit seiner Seglergruppe ein Törn machen (oder wie das heißt).

Allerdings ist es anders, wenn der freundliche Herr als Sprecher von „Wir wollen lernen“ auftritt, einer Hamburger Bürgerini, welche die Einführung der sechsjährigen Grundschule verhindern will. Da betreibt Herr Scheuerl eine Politik der Falschinformation und Spaltung der Gesellschaft.

Sie glauben es nicht? Gut, dann hier eine kleine Gebrauchsanweisung für den – hoffentlich! - bevorstehenden Volksentscheid in Hamburg über die sechsjährige Grundschule.

1. Was soll diese sechsjährige Grundschule?

Bei dem großen Schulstreit, der im Moment in Hamburg ausgefochten wird, geht es um mehr als eine bloße Verlängerung der Grundschule von vier auf sechs Jahre. Die Idee ist, weniger Kinder zurückzulassen. Und das hat Hamburg bitter nötig – besitzt es doch neben Berlin, Bremen und dem Saarland und noch weit hinter Hessen und NRW die schlechtesten deutschen Schulen. Die Rate an Bildungsverlierern ist in Hamburg besonders hoch, die Zahl der bereits umgekippten Hauptschulen war zuletzt ebenfalls unzumutbar hoch.

Ein Gegenmittel: Die sechsjährige Grundschule, also die Verschiebung der Auslese um zwei Jahre soll im Verein mit einer pädagogischen Aufwertung der Schulen und der Vereinfachung der Schulstruktur auf zwei Säulen die hohen Risikoschülerzahlen reduzieren. Das kann mit diesen Maßnahmen gelingen – wie die Beispiele einer Reihe von Bundesländern zeigen, die mit der Einführung von kooperativen Schulen die Zahl der Bildungsverlierer deutlich drücken konnten. (Siehe Pisa 2006, nationaler Vergleichsbericht)

Mit der Verlängerung der Grundschulen stehen gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Lernkulturen zur Debatte: Hier das auf frühe Auslese zielende gegliederte Schulwesen. Dort eine auf Förderung jedes einzelnen indes bedachte Kultur des integrativen Lernens.

Modell 1 steht für die Schule des 19. Jahrhunderts, die den Sortierauftrag des Staates nach vermeintlich objektiven Begabungen als oberste Maxime kennt.

Modell 2 steht für eine Schule des 21. Jahrhunderts, die das einzelne Kind in den Mittelpunkt des Lernens rückt. Und die pädagogische Armut der Regelschulen bereichert.

2. Erreicht die 6jährige Grundschule ihre Ziele?

Dafür gibt es naturgemäß keine Garantie. Wissenschaftliche Untersuchungen können nur im nachhinein zeigen, ob es gelingen wird, die Schulen der Hansestadt besser, gerechter und moderner zu machen. Ein Selbstläufer wird das nicht, so viel ist klar. Es bedarf einer deutlichen Verbesserung der Lernkultur.

Allerdings gibt es eine Fülle von Studien, die das Modell grundsätzlich für positiv erachten. Die wichtigste hat der Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann vorgelegt. Lehmann verglich die Lernleistungen der fünften und sechsten Klassen der Berliner Grundschule mit den selben Klassenstufen des Berliner (grundständigen) Gymnasiums, die so genannte Element-Studie. In Berlin können Grundschüler prinzipiell vier oder sechs Jahre in die Grundschule gehen.

Das Ergebnis Lehmanns: Die Lernzuwächse an der Grundschule sind im Durchschnitt besser als am Gymnasium. Das ist insofern bemerkenswert, da die Berliner grundständigen Gymnasien eine kleine, bevorzugte Schicht von nur sieben Prozent des Jahrgangs unterrichten – und dennoch keine besseren Gesamtzuwächse erzielen konnten als die Masse der 93 Prozent der Fünft- und Sechstklässler an den Grundschulen.

Zum Vergleich: Das wäre gerade so, als würde der FC Bayern mit einer kleinen Schar von Elitespielern, versorgt mit mehr Geld, teureren Trainern und dem viel anspruchsvolleren Programm schlechter abschneiden als die in der gleichen Liga antretenden Kneipen- und Freizeitmannschaften.

Lehmanns Studie hat zu vielen Diskussionen geführt und wird gern als Gegenbeleg aufgeführt, da Lehmann in einem gezielt politisch gehaltenen Interview seine Ergebnisse in Der Zeit ein bisschen schlicht darstellte. Die Zeit entschuldigte sich kleinlaut. Und der deutsche Pisa-Papst und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Jürgen Baumert überprüfte Lehmanns Daten zur Sicherheit. Baumerts Ergebnis setzte ein dickes Fragezeichen hinter die pädagogische Qualität des deutschen Gymnasiums:

In keinem Leistungsbereich sind Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar“, analysiert der beste deutsche Schulforscher. Und resümiert: „Bewertet man die Befunde insgesamt, so sind sie zunächst ein Kompliment für die [sechsjährige, d. Red.] Grundschule. Die Entwicklungskurven von Spitzenschülern verlaufen in der Grundschule und in der Unterstufe des grundständigen Gymnasiums parallel, und zwar nicht nur im Lesen, sondern … auch in der unterrichtsabhängigen Domäne Mathematik. Für die grundständigen Gymnasien sind die Befunde ein Grund zur Nachdenklichkeit. Generell ist fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben.“

3. Gibt es einen guten Kompromiss?

Walter Scheuerl schlägt vor, nur einen Teil der Grundschulen auf eine sechsjährige Laufzeit umzustellen. Dann ließe sich „im Wettbewerb“ entscheiden, welche Schule die bessere sei. Eine teilweise Einführung der Grundschule wäre, offen gesagt, ein ganz schlechter Kompromiss – und man sollte es dann lieber ganz bleiben lassen. Auch hier kann Hamburg von Berlin lernen, das ja eine parallele Struktur ermöglicht: Es ist verheerend für die pädagogische Atmosphäre und die Praxis der Grundschule, dass sich Eltern und Kinder stets über vier oder sechs Jahre entzweien. Der Schulkampf wandert gleichsam in jede einzelne Klasse.

Das längere gemeinsame Lernen ist in ganz Europa und auf der Welt weit verbreitet. Nirgendwo gibt es deswegen so viel Aufregung wie in Deutschland. Es ist einfach selbstverständlich, dass eine demokratische Schule seinen kleinen Bürgern möglichst lange die gleichen Startchancen einräumt. Und seltsam:

Was soll ein Kompromiss bei dem fundamentalen Recht auf Bildung? Sind Menschenrechte doch teilbar? Kann man einem Teil der Kinder besser Chancen einräumen als einem anderen?

Walter Scheuerls Wettbewerbsargument ist für einen Rechtsstaat schwer tragbar: Gesetze gelten für Bürger gleich – oder würde jemand auf die Idee kommen, zwei Steuersätze probehalber in einem Modellversuch miteinander konkurrieren zu lassen? Nein, die sechsjährige Grundschule sollte man ganz einführen oder gar nicht?

4. Was hat „Wir wollen lernen“ erreicht?

Die Ini kann ausgesprochen positive Folgen haben, wenn man die Einführung der neuen Primarstufe mit noch mehr pädagogischer und qualitativer Unterstützung einführt. Dann hätte sich die Aktion gelohnt. Kommt es zu einem Volksentscheid wäre dies die demokratisch beste Antwort auf den Konflikt. Denn dann könnte man die Hamburger Bürger fragen, ob sie ihre Schulen modernisieren wollen – oder ob sie auf dem ständischen Prinzip (Ole von Beust) der früh gegliederten Schule beharren.

Nicht unwichtig ist, ob und wie sich die SPD positioniert. Die Sozialdemokraten haben eine ulkige Position: Sie sind einerseits vehement FÜR das längere gemeinsame Lernen, wollen aber MOMENTAN nicht verraten, wie sie das einführen wollen. Verlöre die Ini von Walter Scheuerl die Unterstützung der Sozialdemokratie, würde ein Volksentscheid sicher offener werden. „Es ist auch unser Erfolg, dass heute alle Parteien für das gemeinsame längere Lernen einstehen,“ sagte Fraktionschef Neumann beim Neujahrsempfang der SPD Hamburgs. Die Zerrissenheit der SPD zeigt sich wunderbar an einem Interview des SPDler Thies Rabe zum Thema. Er sagt: Die Idee der Primarschule ist famos - aber ihre Umsetzung sei nicht gut. 

Zudem hat „Wir wollen lernen“ (WWL) mit einer merkwürdigen Aktion seine Anhänger verwirrt. WWL sammelte enorm viele Stimmen beim Bürgerentscheid mit der Verletzung des Elternwahlrechts, gegen dessen Verletzung es so lang und lautstark demonstrierte. Nun aber plötzlich ein Kehrtwende. Walter Scheuerl ist gar nicht mehr für das Elternwahlrecht, wenn es ab der sechsten Klasse gilt. Denn er hat erkannt, dass die völlig Freigabe des Elternwahlrechts ab der sechsten Klasse seine geliebten Gymnasien vor eine Zerreißprobe stellen würde. Dann könnte JEDER seine Kinder aufs Gymnasium schicken. Daher votierte er nun plötzlich für ein Recht nur nach der vierten Klasse – das obendrein nur für bestimmte Eltern gelten soll: Das Bildungsbürgertum. 

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12.10.2009
08:55

Bildungsarmut und pädagogische Armut

Mit Spaß am Lernen weniger Bildungsverlierer produzieren

In Talkshows erzählen Politiker gerne Märchen.

"Die Hauptschulen werden dort angenommen, wo die Eltern merken, dass man sich um sie kümmert",

sagte dieser Tage Armin Laschet (CDU) bei Maybritt Illner im TV. Man weiß nicht recht, wo der Integrationsminister Nordrhein-Westfalens diesen Effekt beobachtet hat. In seinem Bundesland jedenfalls kann das nicht sein. Die Leute laufen dort der Hauptschule in Scharen davon.

Um 37 Prozent ist die Schülerzahl an den NRW-Hauptschulen seit 2001 zurückgegangen. Und die Eltern haben ja recht, die Hauptschule zu meiden. Denn dort herrscht bittere Bildungsarmut. Jeder zweite Hauptschüler NRW kann praktisch nicht lesen.

Beim Tag der Offenen Tür einer Berliner Grundschule warnen Lehrerinnen indes offen vor dem Gymnasium. Zu viel Druck, zu wenig pädagogische Möglichkeiten - das achtjährige Turbogymnasium verschreckt nicht wenige Eltern. Denn ihre Kinder haben teilweise 36 bis 38 Unterrichtsstunden pro Woche. Sie verlieren wegen der Schule Freunde und müssen Hobbies aufgeben. Im Gymnasium geht Lernen nach der Methode Press und Stopf, es herrscht bittere pädagogische Armut.

Hat die Bildungsarmut der Hauptschule etwas mit der pädagogischen Armut des Gymnasiums zu tun?

Auf den ersten Blick sind das zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Bei näherem Hinsehen erkennt man: das eine bedingt das andere. In der vierten Klasse wird die Schülerschaft sortiert. Die schlechten in die Hauptschule, die guten ins Gymnasium. Das produziert die berüchtigten "differenziellen Lernmilieus", wie sie der Max-Planck-Direktor Jürgen Baumert entdeckt hat. Zu deutsch: Soziale Umgebungen, die für das Lernen besonders förderlich sind - oder besonders schädlich.

Nicht umsonst heißen Hauptschulen bei Wissenschaftlern mittlerweile "Marienthalschulen", also Schulen der Hoffnungslosigkeit. Die Gymnasien brauchen sich derweil pädagogisch gar nicht besonders anstrengen. Sie haben das beste Schülermaterial und wenn einer nicht mitkommt, dann fliegt er eben, pardon: wird abgeschult. Die Bildungsarmut der Hauptschule und die pädagogische Tristesse der Penne sind zwei Seiten einer Medaille.

Was kann man tun? Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle? Natürlich gibt es das, die guten Schulen beweisen es.

Es haben sich inzwischen Schulen in Deutschland gebildet, die schlauer sind. Sie verzichten auf eine simple Trennung der Schülerschaft, sondern verfahren nach dem Motto: Kein Kind bleibt zurück.

Das bedeutet zugleich, dass der Unterricht besser werden muss, genauer das Lernen. Und so ist es. Die guten Schulen, welchen die Bosch-Stiftung den Schulpreis verleiht, haben minimale Zahlen an Bildungsverlierern - und zeichnen sich durch eine hohe pädagogische Kompetenz aus. Dort macht Lernen wirklich Spaß. In Freiarbeit, mit Wochenplänen, in neuen Lernwerkstätten und -büros. Und, das wichtigste: Bei großen Lernprojekten und Studienreisen.

Die Schulpreisschulen sind so gut, dass inzwischen finnische Delegationen dort hospitieren - um zu lernen, wie die Deutschen gute Schule machen.

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