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lets talk about - frontloading
In unserer Twitterwolke rund um (neue) Schule und (modernes) Lernen kommt es immer wieder zu, nun ja, kleinen Scharmützeln,
ob und wie sinnvoll Frontalunterricht eigentlich noch ist.
@cervus hat zuletzt heute (Samstag, 6. Feb) eine witzige Bemerkung gemacht über @chrisimwebs diktum, medien seien gut, "um den frontalunterricht effizienter zu machen". (er hat das dann präzisiert, schaut seinen tweet an.)
(Siehe auch die frischen Kommentare hier im Blog. >>>)
Unter der Woche ging es um die Frage, ob man die Schulstruktur ODER den Unterricht ändern müsse. @mccab99 meinte, die Hamburger Debatte über vier oder sechs Jahre Grundschule sei nebensächlich. Pisaversteher fragte sich, wie man Schulstruktur und Lernstil denn voneinander trennen könne:
@mccab99 struktur ist keine hinreichende antwort auf neu lernen @ciffi sagt dazu: aber eine notwendige. solange studienräte abschulen können, ändern sie stil nicht
Mein Vorschlag wäre daher, dass man hier und mit Tweets diskutieren sollte. Vielleicht nehmen wir uns Michael Feltens "Auf die Lehrer kommt es an" als Vorlage. Es wird vom Verlag so angekündigt:
"Die Bildungsdebatte kreist zu sehr um Strukturfragen und Leistungsstandards. Schulerfolg und Chancengerechtigkeit sind aber vor allem eine Frage der Unterrichtsqualität. Angesichts veränderter Kindheiten erweisen sich steuernde Lehrformen der offenen Pädagogik als vielfach überlegen. Gefragt sind heute Führungsfreude, Methodenklarheit und Einfühlsamkeit. (...) Was ist effiziente Klassenführung?"
Ich habe schon mal reingesehen, und habe es jetzt @nklee68 zu rezension für die taz gegeben. Felten, der Lehrer in Köln ist, hat schon mal diesen text für die taz geschrieben. >>> Am Pult kann nur einer stehen
Ich will nicht zu viel vorlegen, aber ich finde: Dieses Buch, dieses Haltung hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. its over. Kann man wirklich heute noch so über Schule reden?
Einladung zur Diskussion.
Beckenbauer auf die Bank!
kommentar zum frankfurter grundschulkongress
Wer das moderne Lernen in Deutschland verbreiten will, der muss den Frontalunterricht als Leitkonzept überwinden. Und durch ein neues ersetzen: Das individuelle Lernen
Die Grundschule ist die wichtigste Schule – und die beste. Nicht umsonst sind zwei von bislang drei Trägern des Deutschen Schulpreis Grundschulen, die Kleine Kielstraße in Dortmund und die Wartburg in Münster. Die Grundschule ist aber auch jenseits dieser beiden Leuchttürme jene Schule, die ihre pädagogischen Fähigkeiten am weitesten entwickelt hat. Die Grundschule lernt seit 1919 mit allen Kindern zusammen. Das bedeutet, sie hat die größte Erfahrung darin, auf jedes Kind einzeln einzugehen. Man nennt das „individuelles Lernen“.
"Individuelles Lernen nur so ein Begriff"
Dennoch begeht die Grundschule einen Fehler, wie sich beim Kongress des Grundschulverbandes in Frankfurt gerade gezeigt hat. Sie relativiert das „individuelle Lernen“ und wendet sich in Teilen sogar von ihrem Markenzeichen ab. „Individuelles Lernen, das ist nur so ein neuer Begriff“, sagt etwa Friederike Heinzel, Grundschuldidaktikerin aus Kassel. Und Ute Andresen, die anerkannte Virtuosin des Schreibenlernens, konstatiert, dass Kinder die Schreib- oder Schönschrift am besten mit einer Unterrichtsmethode lernen, „die man nicht anders als frontal bezeichnen kann.“
Heinzel und Andresen können plausibel machen, warum sie das individuelle Lernen so lässig betrachten. Heinzel, weil sie sagt, der Terminus „selbständiges und kooperatives Lernen“ bezeichne den Vorgang des individuellen Lernens besser. Andresen, weil sie die Würde des Schreibenlernens als fundamentalem gemeinsamen Lernakt so gut begründen kann. Dennoch begeben sich diese beiden wohlmeinenden Pädagoginnen begrifflich in eine Schmuddel-Ecke: Zu den harten Gegnern des individuellen Lernens.
Individuelles Lernen in der Schmuddelecke
In dieser Ecke steht als Hauptvertreter Josef Kraus, jener Präsident des gegliederten Schulwesens, für den das individuelle Lernen neumodisches und dummes Zeugs ist. Kraus hat ein Buch über Schule verfasst, in dem er über Pisa, die Linke, das gender mainstreaming (!), die Gemeinschafts- und die Gesamtschule herzieht. Kraus´ Buch ist krude – und eine Hymne auf den Frontalunterricht. Hinter Kraus drängeln Leute wie der Gymnasialpapst Heinz-Peter Meidinger und Walter Scheuerl, der Boss der Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“, ein listiger Anwalt, der die sechsjährige Grundschule in Hamburg verhindern will. Sie alle haben nur ein Ziel: Sie wollen die gegliederte Schule um jeden Preis erhalten. „Individuelles Lernen“ ist für sie ein Kampfbegriff. Mit solchen Leuten muss man sprechen – aber sich nicht gemein machen mit ihnen. Sie stehen gegen alles, was Heinzel und Andresen pädagogisch darstellen; aber sie halten das gleiche Schwert in der Hand.
Falsche Vorstellung Frontalunterricht
Das individuelle Lernen hat sich zum Gegenpol des Frontalunterrichts entwickelt. Deswegen ist es so wichtig, ihn inhaltlich präzise zu füllen. Denn was Frontalunterricht ist, dass wissen wir alle. Weil wir ihn leidvoll erlebt haben, und weil er mit der Feuerzangenbowle zur Chiffre des Lernens aus dem 19. Jahrhundert geworden ist. Frontalunterricht ist als Bild in unsren Köpfen – und als falsche Vorstellung. Denn frontal steht für ein Lernkonzept, das mit dem Lernen in einer “Schule für alle“ unvereinbar ist. Weder eine vereinte Haupt- und Realschulklasse, noch eine Gemeinschaftsschule, schon gar nicht die Arbeit mit behinderten oder hochbegabten Kindern kann Frontalunterricht als Mittel der Wahl hinnehmen.
Wir leben in einer Zeit, da Schulen mehr und mehr zusammengelegt werden. Aus Vernunft, weil man zusammen besser Schule machen kann. Oder aus blanker Not, weil die Kinder in den ländlichen Gebieten ausgehen und deswegen meist nur eine Alternative besteht: Fusionieren oder schließen. In dieser Zeit geht es gar nicht anders, als den Frontalunterricht durch ein Lernkonzept zu ersetzen, das es möglich macht, Kinder verschiedener Geschwindigkeiten, Talente und Interessen gemeinsam arbeiten lassen – und zwar so, dass der schnellere und der langsamere am besten gefördert werden: Das geht ausschließlich – mit individuellem Lernen.
Beckenbauer auf die Bank, Dr. Pfeiffer ins Schulmuseum
In der Bundesliga hat der Libero mit seiner Überfigur Franz Beckenbauer über Jahre hinaus das Spielkonzept geprägt. Es gibt Trainer wie Ralf Rangnick, die sagen: Der Libero hat den modernen Fußball 20 Jahre lang verhindert. Um die Viererkette und einen Fußball spielen können, bei dem alle Spieler gleichberechtigt nach ihren jeweiligen Talenten dabei sind, braucht man keinen Libero, mehr noch: Man darf keinen mehr haben. Beckenbauer muss auf die Bank!
Genauso ist es mit dem Frontalunterricht und dem individuellen Lernen: Wer in einer flexiblen und offenen Lernanordnung ohne den großen Alleswisser vorne an der Tafel auskommen will; wer allen Talenten und Geschwindigkeiten in der Klasse Platz geben will, der muss Heinz Rühmann aus dem Klassenzimmer verbannen. Dr. Pfeiffer aus der Feuerzangenbowle gehört ins Schulmuseum. Dieser große Meister des Frontbeladens muss aus den Köpfen vieler Lehrer, Pädagogen und vor allem der Studienräte verschwinden. Denn sie sind es, die den Frontalunterricht nicht als EIN pädagogisches Instrument unter vielen sehen, sondern als DAS übergreifende Konzept.
Das sollten auch die Grundschulen und ihre Lehrer begreifen. Denn sie sind die Vorbilder und Taktgeber der nächsten Jahre. Weil sie lange wissen und praktizieren, wie man individuell lernt.
LERNEN2.0 - wie es wirklich geht
Warum Netbook-Klassen nicht scheitern müssen
Er ist einer der wichtigsten Vertreter des Lernen2.0, Olaf Kleinschmidt, it-fittester Lehrer Deutschland. Im Interview mit pisaversteher zeigt er nun, was in Frankreichs Netbook-Klassen wirklich schief gelaufen ist - und worin die ungeheure Kraft des neuen Lernens stecken könnte.
Das ganze Interview gibts heute auf der taz-Bildung. Vorab bei pisaversteher ein paar Kernsätze:
- ES GIBT IMMER NOCH viele Lehrer, DIE SICH WEIGERN FÜR DEN UNTERRICHT EINEN COMPUTER EINZUSCHALTEN, GESCHWEIGE DENN IHN IM UNTERRICHT SACHGERECHT EINZUSETZEN.
- "Laptop und Web2.0-Anwendungen bedeuten für den Lernenden: Erstens die intrinsische Motivation. „Ich mache das, um mich selbst zu entwickeln“ - das ist das Prinzip, das der Computer erleichtert. Zweitens wird es mit vernetzten Geräten viel leichter, individuelles und zugleich gemeinsames Lernen in der Klasse zu praktizieren."
- zu Netbook-Klassen, wenn sie gut gemacht sind: "Alle physischen Begrenzungen fallen weg – sei es die Wand des Klassenzimmers. Der Lernraum wird unendlich und er verwandelt sich auch von der Methode her grundlegend. Es geht um die idealste Kooperation für die beste Problemlösung – das ist die durch Web2.0 möglich gemachte neue Form der Wissensproduktion: Alle an alle, Schwarmintelligenz ist überall."
Kleinschmidt entwirft eine IT-Strategie für die Republik - und er fragt sich, wie ernst es die Politik eigentlich meint, wenn sie vom neuen lernen immer nur schwatzt, es aber nicht befördert.
später mehr.

