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Die Erde ist eine Scheibe!
Auf den Post (Lehrer sind undemokratisch, siehe unten) gibt es nun weitere Reaktionen. Man kann sie gruppieren. Ein Teil der Leute ist total gefangen in ihrer Denk- und Lebensweise und überliest dabei auch Sätze wie diesen (erscheint 2x in meinem Beitrag):
„Auch wenn man das [gegliederte Schulsystem] nicht von heute auf morgen ändern kann, ...“
Zum Mitschreiben für diese Gruppe: Die gegliederte Schule ist ganz nüchtern und grundsätzlich betrachtet undemokratisch – und zwar wegen ihrer stratfizierenden Effekte (die übrigens vielfach wissenschaftich nachgewiesen sind @schwarzmüller und absolut fundiert sind; niemand vernünftiges kann sie abstreiten.)
Dennoch habe ich NICHT gefordert, mit der Planierraupe durch das Schulsystem zu pflügen und alle Gymnasien abzureißen. Das kann sich kein Politiker erlauben, und es ist aus Sicht einer Schulentwicklung auch nicht sinnvoll, leidlich funktionierende Gymnasien abzureißen.
Den Lehrern ihre Melodie vorsingen
Wieso schreibt man einen solchen Blogpost dann? Nun, um der Lehrerschaft mal ihre Melodie vorzusingen – und das klappt auch super. Das ist das Personal in seiner Denkhaltung, mit dem wir Schulen reformieren sollen. Uff.
Gruppe 2 ist durch und durch bewusstlos. Es sind Lehrer, die in einem Zustand leben, den man psychologisch schwer beschreiben kann.
Lehrer leben in einem System, das ganz ohne Zweifel auslesende, spaltende und diskriminierende Tendenzen hat – aber diese Lehrer verleugnen das, sie blenden das vollkommen aus und wursteln einfach weiter. Wenn man ihnen dann die Bilanz aufmacht, schlagen sie plötzlich um sich - und beginnen den Analysten für den Zustand zu beschimpfen, IN DEM SIE SICH BEFINDEN: in etwa schwarzmüller.
Schwarzmüller versucht sich allen ernstes an einer wissenschaftlichen Debatte. Weia. Ich empfehle ganz viel Lektüre, am wichtigsten etwa Baumert grandiosen (aber nicht ganz kleicht zu lesenden) Aufsatz von den differenziellen Lernmilieus. Darin werden die unteren Schulen nurmehr Marienthalschulen genannt, und zwar wegen ihrer extrem demotivierenden Wirkung auf Schüler.
Knallharte Ideologen: KMK-Gesamtschule
Im übrigen ist Schwarzmüller ein knallharter Ideologe. Eine Millisekunde historischer Analyse würde ihm zeigen, dass die Gesamtschule das Aka-Püppchen der Kultusminister ist, um „eine Schule für alle“ kaputt zu machen. Die Gesamtschule war nie eine solche, das weiß er natürlich ganz genau. Sondern sie war immer nur eine Pseudogesamtschule, eine KMK-Variante, die im Grunde das dreigliedrige Schulwesen nur nachäffen durfte.
Selbst eine integrierte Gesamtschule muss ja ab der siebten Klassse ihre Schüler nach Leistung teilen. Und Tausende Lehrer machen das doch auch mit, das muss man doch sagen dürfen, sie sagen es ja auch selber (meistens beim Bier, um die bittere Realität ihrer Existenz zu betäuben).
Wie soll sie denn eine selektierende Gesamtschule bitte integrative Effekte erzielen? Schwarzmüller, tell me! Sorry, aber ein denkender Lehrer, der einem die herrschende Gesamtschule als Knochen hinwirft, auf dem man rumkauen soll, come on, das ist ein Abgesandter des Phililogenverbandes, der einen hinter die Fichte führen will. Mein Tipp: Früher aufstehen!
Eine Conclusio?
Für die Praxis: Nun ja, es gibt – neben der UNDURCHFÜHRBAREN (sic!) bulldozer-Methode - eine Reihe evolutiver Methoden, um die Schule zu reformieren. Diese Tendenz gibt es übrigens überall im Lande, nur scheinen die Hauptbeteiligten, die Lehrer es noch nicht bemerkt zu haben.
(Was geschieht gerade mit den Hauptschulen? Genau. Werden auch Gymnasien, diese Horte pädagogischer Armut, behutsam aber bestimmt verändert? Na also. Wachsen die Spitzen einer zweigliedrigen Schule bei geeigneten Leitplanken zusammen, ohne aber zu verschmelzen. Gut beobachtet.)
Für die Theorie: Um einmal auf eine gemeinsame politisch-intellektuelle Basis zu kommen, war der Post schwierig. Das war abzusehen, dass es aber derart desaströs ausfallen würde? Nun, es ist wie es ist.
Es ist als ob man mit Physikern und Geologen fachlich diskutieren wollte und sie fielen über einen her, nur weil man zu Beginn der Diskussion eher beiläufig erwähnte, dass die Erde eine Kugel sei. Daraufhin schreien die Geologen herum, und sagen Quatsch, was reden sie für einen Unsinn, die Erde ist eine Scheibe!
Und an diesem Punkt müsste man nun stundenlang diskutieren – aber, mal ehrlich, wer will das schon? Mit Leuten disputieren, die einem die ganze Zeit ein X für ein U weismachen wollen?
Die Schule ist demokratisch!
Also Leute, ihr habt vollkommen recht. Die deutsche Schule ist superdemokratisch in ihrer Grundstruktruktur. Sie ist bevölkert von Demokratenlehrern, die wissen, was die soziale Gestalt ihrer Einrichtung ist, die ihre Pisatsudie gelesen und die Historie des Gymnasiums kennen. Diese Schule quillt über von Klassenräten (Grüßchen an Lisarosa, geht’s dir! höhö), und sie hat selbstverständlich keine stratifzierende Wirkung, ach was. Und sie demotiviert auch nicht Zigtausende Jugendliche ALLEIN AUFGRUND IHRER STRUKTUR.
I wo, das war alles Quatsch, den ich heute nacht nach 1,5 Gläsern guten Weins geträumt habe. Und die Lehrer aus diesen Zuständen, die mir das immer wieder ezählen, die habe ich im Kino gesehen.
Und: Die Erde ist übrigens eine Scheibe!
P.S. Viel Spaß morgen in Eurer Welt. Ich hoffe, ihr werdet glücklich mit ihr
Lehrer sind undemokratisch (die meisten)
Oder: Thomas Mann war ehrlicher
Wieso Lehrer sich in Schulfragen undemokratisch verhalten
Anlass für diesen Eintrag sind die jüngsten Äußerungen eines sonst so klugen Twitterers wie @BlessTheTeacher. Sie geben Anlass zu größter Sorge: der demokratische Grund der Schule wankt.
[Der nachfolgende Eintrag ist wenige Stunden alt - und die Reaktionen darauf sind bezeichnend. Die Lehrer reagieren wieder, wie sie es immer tun: Wir sind es nicht gewesen, man muss uns doch verstehen, was sind das für gemeine Anwürfe! Ich rate allen Lehrern die Lektüre Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen aus den 1910er Jahren an. Mann sagte wenigstens offen, dass er nicht Politik und Demokratie wollte, sondern Anstand, Ordnung und Tugend. Er gab zu, dass er Politik und Demokratie "für etwas Undeutsches, Widerdeutsches" hielt. Mann nahm seine ästhetischen Verirrungen später zurück angesichts des demokratischen Supergaus in Deutschland. Die Äußerungen der Lehrer heute - Sind denn Amerikas Schulen demokratisch? Soll das eine Satire sein? - deuten auf etwas anderes hin: Sie sind nicht demokratisch gesinnt - und sie wissen es noch nicht einmal! Bewusstlos unpolitisch. Sie akzeptieren das zutiefst undemokratische gegliederte Schulsystem als Sachzwang - und reflektieren nicht, was daran das Problem sein könnte. - Glücklicherweise zeigen Kommentare wie der von @Damianduchamps, dass es auch anders geht.]
Dümmliche Erklärung
Beginnen wir mit @BlessTheTeacher, der eine absolut nichtssagende und dümmliche Erklärung des Thüringer Lehrerverbandes gleich dreimal über Twitter jagt. Dem Verband passt die ganze Richtung der Schulreform im Land nicht. Thüringen führt als eine neue integrative Schulform die Gemeinschaftsschule ein. Der Verband also hat mit zehn Punkten dagegen mobil gemacht. Darunter befinden sich zwei Punkte, die aufhorchen lassen: „Sichern sie eine vergleichbare Behandlung aller Schulformen.“ Und, noch besser: „Beschränken sie nicht das Recht der Eltern auf freie Schulartwahl.“
"Das Recht auf freie Schulartwahl", so fragt man sich. Was ist das? Wo steht das? Wozu soll das gut sein? Genau, nach ein bisschen Nachdenken kommt man drauf. Dieses Recht gibt es nicht, es ist ein frei erfundenes Recht eines Lehrerverbandes, der nur ein Ziel hat: Rührt die Schulformen in Thüringen nicht an! Nun sollte man die in Deutschland gewachsenen in der Tat nicht überstürzt verändern. Nur muss man festhalten dürfen, was seit 1848 ein verletzender Dorn im Auge von Demokraten ist:
Eine Schule, die Kinder im Alter von zehn Jahren nach Leistung auf verschiedene Schulformen verteilt, ist keine demokratische Schule.
Ganz im Gegenteil, sie spaltet ihre Bürger früh in Kinder, die mehr und besser lernen dürfen und solche, die auf Abstellgleise kommen. Auch wenn man das nicht von heute auf morgen ändern kann, so bleibt es doch unerträglich für einen republikanisch gesinnten Bürger. Und es widerspricht übrigens auch empfindlich den Grundwerten unserer Verfassung, Artikel 2 und 3 werden durch so eine Schulstruktur ad absurdum geführt.
Nun aber kommt @BlessTheTeacher ins Spiel. Er ist ein eifriger Twitterer und er zwitschert eine progressive Lerngeschichte nach der anderen durch die Gegend. Nur, an dieser Stelle regrediert Bless, denn er nennt den Punkt „freie Schulartwahl“ einen wichtigen Punkt und er fragt hinterher sogar noch verwundert, wieso der denn gegen die Verfassung verstoße.
Affront gegen demokratischen Gedanken
Das ist das Bild, und es ist nichts weniger als verheerend: Ein Lehrer, der gewiss ein Meinungsführer und denkender Zeitgenosse ist, kapiert nicht, wieso eine gegliederte Schule ein Affront gegen den demokratischen Gedanken ist, dass alle Bürger gleiche Rechte vor dem Gesetz haben.
Wie Bless denken ganz viele Lehrer. Sie sind es gewohnt, Kinder zu Bürgern erster, zweiter und dritter Klasse zu erziehen (also in Gymnasium, Realschule und Hauptschule), sie haben sogar eine eigene Underdogschule für tatsächlich und angeblich Behinderte hingenommen – und sie haben sich in diesem Zustand eingerichtet, sie fühlen sich darin wohl.
Lehrer akzeptieren Schulen erster, zweiter und dritter Klasse
Wenn man sie darauf hinweist, dass das undemokratisch ist, dann kommen sie mit Sachzwängen, eigenen Erfahrungen, Kindern, die angeblich nicht lernern wollen. Das muss man festhalten: Die Gruppe, die unsere Kinder in die Demokratie erziehen soll, glaubt fest daran, dass es schichtspezifische Intelligenz- und Lernunterschiede gibt, die der Staat mit Einrichtung verschiedener Schulformen bedienen muss.
Was heißt das? Die meisten deutschen Lehrer sind im Grundsatz undemokratisch. Was folgt daraus? Es braucht meines Erachtens einen neuen Radikalenerlass, diesmal einen demokratischen.
Lehrer, die einen gegliederte Schule anerkennen oder sogar anbeten, müssen sich einen neuen Job suchen. Wir lassen auch keine Päderasten, Nazis, Kommunisten etc. auf unsere Kinder los.
Warum sollten wir sie von undemokratischen Lehrern indoktrinieren lassen? Ohne demokratische re-education für die Lehrer geht es nicht weiter.
Lucius D. Clay: Gesamtschule mit Waffengewalt
P.S. Wer mich für durchgeknallt hält, dem empfehle ich die Briefe und Berichte des US-amerikanischen Oberbefehlshabers, General Lucius D. Clay, zu lesen, die er nach 1945 nach Washington sandte. Er wusste, dass die gegliederte Schule großen Anteil daran hatte, dass sich Deutschlands Bürger nicht gegen den Faschismus wehrten. Und er betete beinahe, dass das deutsche Volk selbst eine demokratische comprehensive school einrichten möge, ja er spielte für einen Moment sogar mit dem, Gedanken, die Gesamtschule militärisch durchzusetzen. Leider, muss man sagen, leider hat er es nicht getan.
Undemokratie der deutschen Schule
Deutschland hat eine zutiefst undemokratische Schultradition. Sie ist auch heute, im 21. Jahrhundert, noch nicht überwunden. Den Schulen fehlt zumeist eine echte innere Demokratie. Zudem werden private, also Schulen der Gesellschaft stark benachteiligt. Vor allem aber teilt das Land seine Kinder bereits mit zehn Jahren in Gewinner und Verlierer.
Das bedeutet, es erschafft durch die Schule Bürger erster und zweiter Klasse. Es gibt Schichten, die von besser ausgebildeten Lehrern mehr lernen und für andere Berufe vorgesehen sind als andere Schichten. Das ist für eine demokratische Gesellschaft untragbar.
Alle Versuche, die preußische Schichtenschule zu überwinden, sind fehlgeschlagen. Es gelang nicht 1848, bei der ersten bürgerlichen Revolution gegen die kleindeutschen Monarchien, es schlug nach dem 1. Weltkrieg fehl, als man sich nur mühsam auf eine rudimentäre vierjährige Grundschule für alle einigen konnte. Und es scheiterte schließlich auch 1948 und 1968, als zunächst die Alliierten eine demokratische Schule erzwingen und später eine gesellschaftliche Bewegung eine solche Schule erreichen wollte.
Deutschlands Schüler werden noch im Jahr 2011 in Bürger mit mehr oder weniger Rechten aufgeteilt – durch die Struktur der staatlichen Schule. Und die Kultusminister rebellieren nicht etwa gegen diese Untertanenschule, sie verteidigen sie mit Klauen und Zähnen.
Deutsche Selbstverständlichkeit
Niemand fordert sie daher zum Rücktritt auf. Die undemokratische Schule ist eine deutsche Selbstverständlichkeit.
Die Entdemokratisierung der Schulen beginnt paradoxerweise mit einem Akt der Demokratisierung Mitte des 18. Jahrhunderts. Friedrich II nimmt den Kirchen den Betrieb und die Aufsicht über die Schulen weg und führt eine allgemeine Schulpflicht ein. Aber der preußische König erzeugt damit nicht eine Bildung für alle, sondern er bürokratisierte die Schulen – und teilt sie in oben und unten.
Zweiklassengesellschaft
Die allgemeine Schulpflicht war von Anfang an eine Zweiklassengesellschaft. In den Volksschulen hatten die Untertanen eine strenge Lektion vor sich. Sie sollten, so formuliert es Preußenkönig Friedrich II., lediglich „bisgen lesen und schreiben lernen, wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Secretairs und wo was werden“. Damit waren die Lernprinzipien der preußischen einfachen Schule gut beschrieben: viel Gottessfurcht und eine gute Portion Unterwürfigkeit. Schreiben wird eher nebenbei gelernt.
Die dünne Oberschicht hätte ihre Kinder niemals auf solche Schulen für das (gemeine) Volk geschickt, in der zu Preußens Zeiten bis zu 80 Kinder in die Klassen gepfercht wurden und das wichtigste Lernmittel der Rohrstock war. Die Kinder der Oberschicht erhielten die höheren Weihen in speziellen Eliteschulen, den Gymnasien, zu denen in Preußen selbst zu Zeiten der Industrialisierung nur ein Prozent der Bürger zugelassen waren, in den Landshculen lernten zwei Drittel der Kinder.
Hauptschule Gymnasium
Inzwischen sind die Proportionen selbstverständlich ganz andere. In den meisten Bundesländern ist das Gymnasium zur Hauptschule der Nation mit einem Anteil knapp der Hälfte der Schüler geworden. Die instutionelle und mentalitätsmäßige Zweiteilung aber ist geblieben. Noch immer aber betrachtet ein gehobenes Bürgertum Gymnasien als ausschließlich für ihresgleichen reserviert. Der Weg zum Studium führt immer noch über diese Schulen, alle anderen Wege sind geduldete, aber nicht gewollte Ausnahmen.
Warum ist das so? Das Bürgertum wurde politisch mit dem Gymnasium stillgestellt. Diese Schule bot exklusiv den Kindern des Bürgertums begrenzten Aufstieg in die oberen Zehntausend. Das allgemeine Streben nach einer demokratischen Gesellschaft, also einer Repubkik, in der die Bürger der Souverän sind, wurde so unwirksam gemacht. (ausgerottet, getilgt, aus dem Bewusstsein gestrichen.) Kurz gesagt gab es damals folgenden Deal:
Die Monarchie sagte dem Bürgertum, wenn ihr still haltet und keine politische Revolution macht, dann bekommt ihr eine Schule nur für euch und eure Kinder. Wir halten gemeinsam den Pöbel in Schach. Wenn der Staat heute, beinahe 200 Jahre später, diesen Pakt mit dem Bürgertum bricht (wie etwa in Hamburg geschehen, wo das Gymnasium radikal verkürzt und geöffnet werden sollte), dann geht das Bürgertum zurück zum Status ex ante: Es macht Revolution, freilich mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts, also dem Volksentscheid.
Kreative Themenverwaltung in Bad Boll
Thema Missbrauch war vom BMBF bestellt - wurde aber nicht geliefert (und sollte sogar verhindert werden)
Es wird immer interessanter, wie die Reformpädagogen im Bad Boll das Thema sexueller Missbrauch "verwaltet" haben. Ulrich Herrmann und inzwischen auch die Leitung des reformpädagogischen Netzwerks "Blick über den Zaun" (BÜZ) behaupten, es sei vereinbart gewesen, NICHT ÜBER SEXUELLEN MISSBRAUCH ZU SPRECHEN. Deswegen weigerte sich Herrmann auch, dieses Thema zu behandeln. Im neuesten Newsletter des BÜZ heißt es dazu,
"die Tagung (war) begründet anders konzipiert und eine Tagung 'Reformpädagogik und sexuelle Gewalt' nach Abschluss des Runden Tischs „Sexueller Kindesmissbrauch (http://www.bmbf.de/press/3005.php) bereits angekündigt."
Diese Behauptung ist falsch.
Das Bundesbildungsministerium hatte die Boller Tagung gefördert - und zwar explizit mit dem Ansinnen, selbstverständlich auch über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Das äußerte die Vertreterin des BMBF direkt vor Ort.
Die große Frage lautet: Wer wollte eigentlich das auf der Hand liegende Thema sexueller Missbrauch verhindern? Und zu welchem Zweck? Und das im Jahr des Missbrauchs 2010?
Die These des BÜZ ist vollkommen abwegig. Nach Informationen von pisaversteher wird gerade erst über eine Tagung "Reformpädagogik und sexueller Missbrauch" gesprochen.
pisaversteher bleibt dran. Weitere Dokumente könnten folgen.
Reformpädagogik ohne Vertrauen und ohne Demokratie
"Die Betroffenen anerkennen"
Vorbemerkung: Das Folgende war der Beitrag von pisaversteher auf dem reformpädagogischen Kongress in Bad Boll. Es war ein Podium zusammen mit Ulrich Herrmann. Der Professor war nach mir mit einem kurzen Statement dran. Er sagte als erstes: "Normalerweise würde ich jetzt aufstehen und gehen, weil sich Herr Füller nicht an eine Verabredung gehalten hat. Es war abgemacht, dass hier NICHT ÜBER SEXUELLEN MISSBRAUCH gesprochen wird." Ulrich Herrman ist der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Odenwaldschule, der die pädagogische Neuausrichtung der Schule begleitet.
In der Tat hatte pisaversteher vorab ein mail bekommen, in dem es hieß:
"Einig sind wir uns sicher, dass es im Sinne des Gesamtthemas nicht um Missbrauch gehen kann."
Text:
Der Titel der Veranstaltung hier in Bad Boll heißt ulkigerweise "Bewegendes in Bewegung". Üblicherweise spreche ich nicht auf Sportveranstaltungen.
Aber ich will Ihnen gerne erzählen, was mich heute bewegt.
Ich hatte gestern abend etwas überraschend ein Gespräch mit einem Betroffenen von sexuellem Missbrauch, der mir folgendes erzählte. Es trafen sich Vorstände von Trägerverein, Altschülern und dem neuen Verein an der Odenwaldschule namens „Glasbrechen“ (Dort sind betroffene und nicht betroffene Altschüler Mitglied; auch die ersten Lehrer werden aufgenommen.)
Die Sitzung dauerte bis morgens um 3, um 6 erwachte einer der Menschen dort mit Unwohlsein und schlechten Fantasien. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber es gelang ihm nicht: Er hatte vor etwas Angst in dem Zimmer, das zufällig den Zimmern an der Odenwaldschule ähnelte, in denen er sich viele Jahre aufgehalten hatte.
Der Mann hat plötzlich wieder Angst davor, dass jetzt gleich der Herr Direktor hereinkommt und etwas von ihm will - etwas, das er aber definitiv nicht will.
Der Mann verließ also um halb sieben in der früh sein Zimmer und ging hinaus in die Kälte. Er floh vor dem Herrn Direktor, der ihn vor 30 Jahren missbraucht hat.
Ich glaube, viel mehr muss man nicht sagen zu den lang anhaltenden Wirkungen von Missbrauch.
Keine Sorge, ich halte mich an das Konferenzthema, ich wende den Blick nicht zurück, ich befinde mich in der Gegenwart. Das ganze geschah vor drei Tagen.
Die Ängste dieses Mannes zu bearbeiten, kann kein Thema der Reformpädagogik sein. Das müssen Therapeuten machen.
Aber die Reformpädagogen könnten diese Ängte mal ernst nehmen, sie sollten sie zur Kenntnis nehmen:
Da steht jemand Ängste aus – OBWOHL ER AN EINER REFORMPÄDAGOGISCHEN VORZEIGESCHULE WAR.
„Und er ist leider nicht der einzige“.
Es gibt – wie wir am Freitag sehen werden, wenn die Odenwaldschule die neuesten Opferzahlen vorlegen wird – über 100 davon. Es ist damit zu rechnen, dass es Hunderte werden, die irgendwann ihr Schweigen brechen werden.
Meine These heißt: Sich mit der Zukunft der Reformpädagogik auseinanderzusetzen heißt zunächst, sich den konkreten Situationen des Missbrauchs zuzuwenden und zu betrachten: Wie konnte das geschehen?
Es heißt, die Opferperspektive einzunehmen und zwar radikal. Das Leiden anerkennen, Zuhören.
Einer der Beroffenen aus dem Odenwald hat mal etwas sehr kluges gesagt: „Hört auf verstehen zu wollen, hört endlich zu.“
Woher habe ich das gelernt? >>> Von den Betroffenen.
Und woher noch? >>> Von Ellen Key. Bei allen Unterschieden, die die reformpädagogischen Autoren in ihren Instrumenten und pädagogischen Arrangements aufweisen, haben sie doch eines gemeinsam: sie wollen eine Pädagogik vom Kinde aus, sie stellen das Kind in den Mittelpunkt.
Ich frage mich: Warum gibt es hier keine Veranstaltung zu den Ängsten des Kindes, das nachts von einem sehr prominenten Reformpädagogen im Schlaf überfallen wird, um sich an ihm zu befriedigen? Warum haben seit dem 6. März 2010 so wenig Reformpädagogen die Opferperspektive eingenommen?
Und warum fragt keiner von den versammelten Reformpädagogen nach den Gefühlen eines betroffenen Schülers, wenn er solchen Menschen wieder im Unterricht begegnet?
Ich will das an zwei Beispielen illustrieren:
1) Tagungsthema: Reformpädagogik und Demokratie
Wir haben uns hier gestern einen Vortrag von Ulrich Herrmann angehört, der sich zu weiten Teilen auf einen gewissen Gustav Wyneken bezieht. Herrrman lobte ihn einen vorbildlichen und visionären Demokraten, der nicht nur in der Lage gewesen wäre, das abscheuliche preußische Schulwesen zu reformieren – wenn nur der preußische Minister Haenisch nicht so ein kleinkarierter Zahnarzt gewesen wäre und dem Entwurf einer "gut Wyneken´schen" Schulgemeinde die Zähne gezogen hätte.
Wieso kamen in dem Vortrag eigentlich keine konkreten Schüler vor? Schüler, die Wyneken in der superdemokratischen Schulgemeinde missbraucht hat?
Wyneken war nämlich weder aus der Nähe noch aus der Ferne betrachtet ein Demokrat. Er war ein überzeugter, um nicht zusagen fanatischer Pädophiler; einer, der Schüler mehrfach in ausweglose Zwangslagen gebracht hat.
Wie kann ein gerichtlich verurteilter Päderast hier als demokratischer Musterpädagoge gefeiert werden? Weil man nicht AUCH die Perspektive der Opfer einnimmt und sich fragt: Wie stand es eigentlich um die soziale Wirklichkeit der gelebten Demokratie in der „Ordensburg“ Wickersdorf? Kann man allen Ernstes einen Mann als Zeugen für eine vorbildliche innere Schuldemokratie im Jahr 2010 herbeizitieren, der diese Demokratie mehr als einmal benutzt hat, um Schülern eine schwülstige Gleichheit für einen sehr speziellen Zweck vorzugaukeln: damit er sie leichter in sein Bett bekommt.
[Wenn sie Details wissen wollen – fragen sie Ulrich Herrmann, der kennt in Wickersdorf die Farbe der Unterhosen jedes Schülers. Und fragen sie ihn kritisch, denn er ist berufen, die Odenwaldschule pädagogisch zu reformieren.]
Warum ist das wichtig: Die Odenwaldschule war DIE demokratische Musteranstalt. Und trotzdem haben dort die Familienoberhäupter in ihrer Konferenz die beiden Briefe der betroffenen Schüler im Jahr 1998 nicht ernst genommen; und trotzdem haben sich die selbstbewussten, kritischen Schüler nicht den Mut aufgebracht ihren Mitschülern zu helfen.
Die These kann also angesichts des Missbrauchs der Demokratie an der Odenwaldschule zunächst nicht heißen, „mehr Demokratie wagen!“, sondern: Wieso hat sie nicht funktioniert, die Demokratie, auf dem Flaggschiff der Landerziehungsheime?
2) Beispiel: Vertrauen!
Wenn Sie sich die Berichte der Betroffenen genauer anschauen, so erzählen sie, wie sie als Kinder verzweifelt versucht haben, sich gegen den Missbrauch zu wehren. Sie entwicklen, wie mir jemand sagte, Strategien zum Schutz des eigenen Seins. Diesen einsamen Gedanken, auf welche Art man dem Schrecken zukünftig begegnen werde, wie eine Gegenwehr aussehen könne, diese einsamen Gedanken hätten sie als Kind wieder etwas aufrechter gehen lassen.
Aber es sei dann erneut zu Übergriffen gekommen. Das Kind werde dabei erneut entwürdigt. Es könne sich selbst nicht mehr trauen. "Nicht mehr trauen den eigenen Gedanken, die ihm doch glaubhaft gemacht hatten, wie man das nächste Mal diesem Geschehen entgehen könnte. Es entsteht ein 'Sich selbst nicht trauen können'". Und später als Erwachsener rede man sich dann ein: "Selbst schuld wenn du so empfindlich bist", das heißt: "Selbst schuld!!"
Diese Stellen zeigen m.E. dreierlei:
- Wie grauenhaft die Verwüstungen sind, die der Missbrauch im Kind auslöst.
- Wie fein und klug die Selbstanalyse des Kindes ist, jenseits von aller Pornografie, die stets bei „Fällen“ befürchtet wird. Diese psychologisch und pädagogisch bedeutsamen Miniaturen gibt es eben nur, wenn man sich die ganze Geschichte eines Betroffenen auch anhört.
- Drittens, und das ist sehr bedeutsam: Es macht einen Unterschied, ob ein stinknormaler Pädagoge oder ein Reformpädagoge übergriffig wird. Und zwar für beide, für das Kind wie für die Reformpädagogik:
Für das Kind, weil es nicht stets überfallen wird, sondern weil es freundlich hineingelockt wird in die Vertrauensfalle. Was da geschieht ist pädagogischer Hochverrat. Solche Leute darf man nicht mehr als Pädagogen hochleben lassen.
Und für die Reformpädagogik: Warum denkt niemand darüber nach, wie alle Verheißungen dieser Pädagogik vom Kinde aus in einen großen Zynismus münden, wenn es doch gar nicht bereit ist, das Kind wirklich zu sehen?
Was bedeutet das? Was mich hier als Vortragenden bewegt, ist nicht die Frage.
Es geht darum: Was bewegt die Betroffenen eigentlich? Das muss uns wichtig sein.

