Abschied von den Patriarchen: Die Reformpädagogik emanzipiert sich
Blick über den Zaun blickt in den Abgrund
Der "Blick über den Zaun" (BÜZ) ist der moderne reformpädagogische Think Tank der Republik. Rund 100 Schulen, die man getrost als die besten der Republik bezeichnen kann, in Wettbewerb und Kooperation um die beste Pädagogik.
Dennoch hat der Blick über den Zaun gerade den Blick in den Abgrund gewagt: Beim ersten Treffen seit dem Skandal um den Ex-Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker wollte die Führung des BÜZ das Thema von der Tagesordnung fernhalten - eine absurde Idee, der die BÜZ-Mitglieder einen Strich durch die Rechnung machten. (Siehe auch taz)
Am Ende diskutierten die Reformschulen heftig und scharf über den Odenwaldpuff, zu dem sich die einst wichtigste deutsche Reformschule unter Gerold Becker offenbar entwickelt hatte. Im Odenwald war es, in einigen Familien, scheinbar normal, dass sich Lehrer von ihren Schülern befriedigen ließen.
Die BÜZ-Mitglieder verabschiedeten eine Bensberger Erklärung (siehe Auszüge unten), in der sie Vorgänge im Odenwald vor 25 Jahren erfreulich scharf kritisierten. Wie zweischneidig es dennoch war, lässt sich vor allem an zwei kleinen Momentaufnahemn zeigen.
Zunächst bezog sich die hohe Bremer Bildungsbeamtin Cornelia von Ilsemann positiv auf Gerold Becker, weil er bei der Konzeption der neuen Bremer Bildungspolitik mitgemacht hatte. Dem pädagogischen Leiter der Odenwaldschule, Uwe Koltzsch, verschlug es die Sprache:
„Wir empfinden es als Unerträglichkeit, wenn man Gerold Becker immer noch als wichtigen Repräsentanten der Reformpädagogik zitiert.“
Man fragt sich: Wie kann eine so kluge Frau in einem so differenzierten Vortrag Gerold Becker zitieren - ohne ein einziges Wort der Einordnung?
Bei der Verabschiedung der Erklärung dann ein weiterer Schreckmoment. Einer der BÜZ-Teilnehmer meldet sich und plädiert dafür, einen Satz aus der Erklärung ersatzlos zu streichen. Er lautet:
„Falsch verstandene Kollegialität darf und wird uns daran nicht hindern.“ Woran? Übergriffen vorzubeugen und Gewalt aufzuklären.
Das BÜZ-Plenum wehrte das Ansinnen glücklicherweise ab. Aber es ist interessant nachzusehen: Was bedeutete denn dieses Ansinnen? Der Satz in der Erklärung heißt übersetzt so:
Wenn wieder so etwas vorkommt wie im Odenwald, dann ist es nicht mehr wichtig, wie toll oder berühmt der Lehrer und der Rektor sind, dann helfen wir Euch Schülern!
Diesen Satz wollte jemand streichen. Vier Wochen, nachdem aus dem Odenwald so ungeheuerliches berichtet wurde.
Dass der BÜZ die Bensberger Erklärung zustande brachte ist enorm wichtig.
Dass es solche Einwände dagegen gibt, lässt einen schaudern.
Die Erklärung in Kurzform:
Blick in den Abgrund
Die Reformschulen „Blick über den Zaun“ verurteilen die sexuelle Gewalt in ihrer Gründungsschule im Odenwald. „Wir sind erschüttert und beschämt darüber, dass Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt auch in Schulen widerfahren ist, die sich auf unsere pädagogischen Prinzipien verpflichtet haben.“ Sie versprechen, Übergriffen vorzubeugen und Gewalt aufzuklären – ohne Rücksicht. „Falsch verstandene Kollegialität darf und wird uns daran nicht hindern.“ Der Versuch, diesen Satz ersatzlos zu streichen, wurde abgelehnt.
Der „Blick über den Zaun“ ist ein Netzwerk von rund 100 Reformschulen, die sich reformpädagogischen Prinzipien verpflichtet fühlen. Dazu zählt die Abkehr vom Frontalunterricht, der Kinder überfordert oder langweilt. Die Praxis, das Kind zum Subjekt seines Lernprozesses zu machen. Und die Idee einer demokratischen Schule. Die Schulen bekennen sich dazu in ihrer Bensberger Erklärung dazu, diese Prinzipien „immer wieder in ihren Schulen zu thematisieren und im Alltag zu verankern. Wir werden mit vermehrter Aufmerksamkeit auf mögliche Verletzungen achten, Kinder und Jugendliche stärken.“
- 3 Kommentare


Korrektur
Dieser Satz ist – zumindest - missverständlich: „Beim ersten Treffen seit dem Skandal um den Ex-Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker wollte die Führung des BÜZ das Thema von der Tagesordnung fernhalten - eine absurde Idee, der die BÜZ-Mitglieder einen Strich durch die Rechnung machten.“ Das Thema „sexuelle Gewalt“, seine Bedeutung für die Reformpädagogik und der Entwurf der Erklärung sind in der Koordinierungsgruppe vor der Tagung vorbereitet und dort zu vorher festgesetzten Zeiten zur Diskussion gestellt worden. hans brügelmann, Sprecher des „Blick über den Zaun“
keine stimme
anmerkung des autors:
auf der tagesordnung fand sich kein eigener programmpunkt zum thema. die anwesenden vertreter aus dem odenwald erhielten erst am 3. tag das wort - auf spontane anfrage, ob sie nicht mal aus ihrer sicht darstellen könnten, was im odenwald geschah.
es mag jeder selbst beurteilen, was es für einen kreis wie den büz bedeutet, dass man den betroffenen nach so einem knall nicht von anfang das wort erteilt - und das unter "kritischen freunden".
christian füller
ergänzt - oder korrigiert
Danke für die Berichterstattung und doch:
Der Einwand aus dem Plenum ("falsch verstandene Kollegialität" zu streichen) wurde argumentativ begründet. Der Satz ergebe sich aus dem Vorangehenden, so wurde argumentiert (da heißt es: "Wir stehen an der Seite der Opfer [...]" - so auch cfs Übersetzung). Man kann diese Begründung als Journalist in Frage stellen, gerne; sie aber wegzulassen bewirkt - intendiert oder nicht - eine andere Botschaft. Dies ist ja durchaus gewollt und unterstützt ("lässt einen schaudern".)
Gleichwohl denke auch ich, dass es wichtig ist, dass dieser Satz - der sich in der Tat konsequent inhaltlich gedacht aus dem vorherigene ergibt - gesagt wird. Auf der Seite der Kinder und Jugendlichen stehen bedeutet leider allzu oft nicht zwangsläufig, dass alles andere selbstverständlich ist.
Axel Backhaus
Mitarbeiter der reformpädagogischen Arbeitsstelle des 'Blick über den Zaun'