26.03.2010
12:43

Knabenliebe nicht im Wochenplan

Das pädagogische Problem der Bundesrepublik sind nicht die Handvoll Reformschulen, sondern die unreformierbare Staatsschule

Kein Tag ohne neue Enthüllung. Mit ekelhaften Details wird uns allen vor Augen geführt, wie Pater und Pädagogen ihre Macht über Schüler benutzen – um sich zu befriedigen. Wir müssen den Opfern genau zuhören, um zu verstehen, was es möglich gemacht hat, dass jemand Schutzbefohlene zum Objekt sexueller Interessen degradiert. Das ist schmerzhaft.

Aber wenn die Fälle zu irgendetwas nutze gewesen sein sollten, dann dazu: Die heute 40- bis 60jährigen Missbrauchten können uns Hinweise geben, wie man Kinder und Jugendlichen schützen kann, die sich in Schulen Päderasten gegenüber sehen.

Der zweite Blick muss auf das Datum des Missbrauchs richten, über den wir debattieren: 1970ff. Wir sollten nicht vergessen, dass wir 2010 schreiben. Wer sich von den Fällen in Berlin, St. Blasien und Ober-Hambach zu sehr fesseln lässt, wird leicht übersehen, dass es sich beim Kolleg St- Blasien und der Odenwaldschule heute um ganz andere Einrichtungen handelt. Zeiten ändern sich.

Kein weltabgewandtes Kloster

St. Blasien ist kein weltabgewandtes Kloster im Hotzenwald mit folterkammerähnlichen Verliesen. Es ist nicht mal mehr ein reines Internat, sondern ein öffentliches Gymnasium, das 580 SchülerInnen besuchen, die meisten von ihnen halbtags. Und das Landerziehungsheim Odenwaldschule ist kein Bootcamp für Päderasten, wo der böse Geist des pädophilen Gustav Wynekens spukt. Nein, in der heutigen Odenwaldschule leben junge Lehrer mit eigenen kleinen Kindern, Lehrer, die nicht wenig genervt sind von dem anstrengenden 24 Lehrer- und Erzieherjob, den der Gründer und Knickerbockerträger Paul Geheeb ihnen beschert hat.

Beide Schulen sind herkömmlichen staatlichen Schulen übrigens weit voraus – jedes auf seine Art.

Das Kolleg St. Blasien dürfte die erfolgreichste deutsche Fundraising-Schule sein. Dort wird alle paar Jahre investiert und modernisiert. Was das mit den Verhältnissen zu tun hat? Unendlich viel. Denn es macht eben einen Unterschied, ob eine Schule ein neues Musikhaus, ein frisch renoviertes Mädcheninternat, eine topmoderne Bibliothek besitzt und damit Schritt für Schritt mehr die Gestalt eines Colleges annimmt. Oder ob es als ein patergeführtes Kloster mit angeschlossener Schulbank definiert wird. In St. Blasien lehren heute eher zu wenige als zu viele Jesuiten. Das Problem St. Blasiens ist, wenn man das sagen darf, nicht etwa eine systematische Pädophilie, sondern der kleinkarierte 45-Minutentakt, der dieses Kolleg daran hindert, weit voraus ins 21. Jahrhundert zu springen.

Im Odenwald wurde vor 100 Jahren das liberalste der Landerziehungsheime gegründet. In den bemoosten Häusern am Waldhang leben nicht nur schnöselige reiche Kinder, deren Eltern sich 26.000 Euro Schulgeld im Jahr leisten können. Dort sind viele arme Kinder zuhause. Schüler, die vor Vernachlässigung und Verwahrlosung in Sicherheit gebracht werden, die sie bei ihren überforderten Eltern erleiden.

Sicherer Hafen

Das ist die eigentliche Tragödie der Debatte um die Odenwaldschule:

Während die halbe Nation auf die Schandtaten eines im Sterben liegenden Reform-Pädophilen in Berlin starrt und Kuschelpädagogik ganz neu definiert, werden deutsche Jugendämter den Odenwald nicht mehr als sicheren Hafen für vernachlässigte Kinder anwählen.

In der Unterstufe der Odenwaldschule haben zehn von 14 Kindern einen diagnostizierten Förderbedarf. Es gibt nur eine Handvoll Schulen in Deutschland, die mit solchen Kindern überhaupt arbeiten können. Die Lehrer im Odenwald können es ganz sicher.

Das ist kein Plädoyer, die Reformpädagogik zu entlasten. Die Missbrauchskrise wird in einer Revision dieses sehr deutschen Zweigs der Pädagogik münden. Das ist gut so, denn manche Vorstellungen der Reformpädagogen sind versponnen, ja abwegig und inakzeptabel. Rudolf Steiner war judenfeindlich und esoterisch, Hermann Lietz nationalkonservativ und antisemitisch, Peter Petersen antisemitisch und unfähig, sich von den Nazis fernzuhalten.

Wissen mit Gewalt verabreicht

Wie kam man dann überhaupt auf die Idee, sich auf diese Sonderlinge zu berufen? Dazu muss man sich vor Augen führen, wir brutal deutsche Schulen waren, ehe Reformpädagogen wie Ellen Key eine Pädagogik vom Kinde aus dachten.

Schulen waren Prügel- und Zwangsanstalten. Schüler wurden gehalten wie Hühner in Massenverschlägen, Wissen wurde mit Gewalt verabreicht. Noch kurz nach dem 2. Weltkrieg führte Bayern die Prügelstrafe wieder ein.

Nur so ist verstehbar, warum nicht wenige Deutsche sich und ihre Kinder in teils versponnene Schulkonzepte flüchteten. Allerdings: In ihnen stand erstmals nicht die Institution, sondern das Individuum im Mittelpunkt. Das war ein fundamentaler pädagogischer Perspektivwechsel – und allein er macht die Stärke der Reformpädagogik aus.

Wer von der Theorie der Reformpädagogik des 19. Jahrhunderts aus ein Urteil über die Praxis heutiger Alternativschulen fällt, sollte daher acht geben. Viele Abrechnungen dieser Tage übersehen, dass moderne Reformschulen wie etwa die Schulpreisträgerschulen ihren Lernplan nicht nach dem wirren Skript vieler Reformpädagogen schreiben.

Knabenliebe, pardon, steht dort nicht auf dem Stundenplan.

Es gibt überhaupt keinen Stundenplan mehr, weil eben nicht Fächer, sondern Kinder unterrichtet werden. Die modernen Schulen gründen ihre pädagogische Vorstellung auf der Kreativität und Selbstbestimmtheit des einzelnen Kindes. Sie sehen Kinder als die Quellen neuen Wissens. Vorbild dieser Reformschulen sind Arbeits- und Erkenntnisprozesse des 3. Jahrtausends – aber nicht Waldschrate, die ihren Hosenstall nicht zubekommen.

Pädagogisches Verbrechen

Die Lehrer von Reformschulen müssen im Umgang mit Kindern entscheidend an Macht und Direktivgewalt abgeben. Sie werden Lernbegleiter. Daher ist es auch ein pädagogisches Vebrechen, was Gerold Becker im Odenwald getan hat. Er hat sich im Gewande des verständnisvollen Lehrers und Freundes seinen Schülern auf Augenhöhe genähert – um ihr Abhängigkeitsverhältnis sexuell auszunutzen, nun wieder als ihr Chef.

Und es ist nicht zu fassen, dass der bedeutendste deutsche Pädagoge der Nachkriegszeit, Hartmut von Hentig, dieses Schema „seines Freundes“ nicht etwa entlarvt, sondern zu bagatellisieren und wegzureden versucht.

Dennoch ist die Post-Becker Debatte um die Reformpädagigik auch absurd. Denn das pädagogische Problem der Bundesrepublik sind nicht die Handvoll Reformschulen. Es ist die überwältigende Mehrheit der 30.000 staatlichen Schulen. Sie prügeln zwar nicht mehr – aber den Paradigmenwechsel von der Institution zum Kind haben sie nicht mitbekommen, geschweige denn vollzogen. Sie entlassen jeden fünften Schüler ohne Leseverständnis, sie arbeiten mit frontalen Lehrmethoden, die geradezu prähistorisch sind. Und sie zeigen sich als reformresistent. Das heißt, wir brauchen zugleich eine radikale Kritik der alten Reformpädagogik – und dringend eine neue Reformpädagogik, um verkrustete Schulen für das 21. Jahrhundert fit zu machen. 

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thomas
29.03.2010
der

ja.
schade dass maria montessori gar keine erwähnung findet. es gab wohl selten eine so intelligente und eben vom kind her durchdachte pädagogik. und dazu eine aktuellere denn je ... oder etwa nicht?
und ja, die reaktion von h v h ist wirklich irgendwie erschütternd. hm ... wirklich schade.

cif
30.03.2010
herr

merci für den hinweis, ich suche das gerade. aber es sieht nicht gut aus, gar nicht für maria "der neue mensch" monte: „Dann erscheint das wahre Kind: vor Freude strahlend in unermüdlicher Tätigkeit begriffen, denn in seinem Leben ist Tätigkeit gleichbedeutend mit einer Art seelischen Stoffwechsels... Eifrig nimmt es alles in sich auf, was der Entwicklung seines Denkens förderlich ist. Hingegen weist es andere Dinge zurück: Belohnung, Süßigkeiten, Spielsachen." liebe maria, eghts auch ne nummer kleiner?" (Das Kind ist anders)

cif
30.03.2010
herr

merci für den hinweis, ich suche das gerade. aber es sieht nicht gut aus, gat nicht für maria "der neue mensch" monte:

„Dann erscheint das wahre Kind: vor Freude strahlend in unermüdlicher Tätigkeit begriffen, denn in seinem Leben ist Tätigkeit gleichbedeutend mit einer Art seelischen Stoffwechsels... Eifrig nimmt es alles in sich auf, was der Entwicklung seines Denkens förderlich ist. Hingegen weist es andere Dinge zurück: Belohnung, Süßigkeiten, Spielsachen." liebe maria, eghts auch ne nummer kleiner?

Thomas
30.03.2010
der

:-)
diese wunschvorstellung ist doch aber nicht die aussage der montessoripädagogik.
zumal die montessori pädagogik heute doch hoffentlich nur die von maria angestoßene ist - von einer dogmatik halte ich nicht so viel.
aber allein der ansatz, dem kind vertrauen zu schenken und es nicht als erwachsener immer besser zu wissen - dieser ansatz hat doch weltverbesserungspotential.
was suchst du (darf ich du sagen?, sind ja in berlin) denn da gerade von der monte päd.?
würde da ja gern in einen guten austausch kommen ...

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