20.02.2010
15:12

Gibt Pisa Auskünfte über Schulstrukturen?

    [Teil 3 von 10 oft gestellten Fragen zu Pisa]

    Es ist der heftigste und nervigste Streit, der seit dem 5. Dezember 2001, dem Tag der Veröffentlichung der ersten Pisastudie geführt wird: Urteilt Pisa auch über die deutsche Schulstruktur - also das in Sonder-, Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien fragmentierte Schulwesen?

    Selbstverständlich! Über keine andere Frage weiß man seit Pisa so gut Bescheid wie über die nach den Schulformen. Die Gymnasiasten erbringen mit weitem Abstand bessere Pisa-Leistungen als die Hauptschüler. Die Differenz zwischen diesen beiden Gruppen ist so groß wie in keinem anderen Land. Die einen Schüler sind den anderen nach Pisa zwei bis drei Lernjahre voraus – obwohl alle Getesteten gleich alt sind. 

    Das bedeutet: Es gibt sehr gute und es gibt miserable Schulen in Deutschland. Diese ergeben sich aus den Schulformen. Pisa stößt uns mit der Nase darauf.

    Der Abstand zwischen den so genannten Perzentilbändern, also den 5 Prozent besten und 5 Prozent schlechtesten Schülern, ist in Deutschland gigantisch. Und auch die Abstände zwischen den Schulen sind exorbitant hoch. Das ist der durchgehende Befund durch alle Pisastudien.

    Zwei Drittel der Leistungsdifferenzen zwischen Schülern lassen sich in Deutschland durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule erklären. Zum Vergleich: In Finnland tragen die Unterschiede zwischen den Schulen nur zu 5 Prozent zu den Leistungsvarianzen zwischen Schülern bei. Die Ergebnisse der so genannten Varianzaufklärung gelten unter Pisaforschern als der Lackmustest dafür, wie sich die Schulstruktur direkt auf die Schulleistungen auswirkt.

    Das interessante ist nun: In wohl jedem anderen demokratischen Land wäre eine Debatte darüber ausgebrochen, ob es tragbar ist, die einen Schüler in schlechte und die anderen in gute Schulen zu sortieren. Nicht so in Deutschland. Pisa sage nichts über die Schulstrukturen aus, betonen die Kultusminister seit beinahe zehn Jahren – und wollen so etwas wie ein Tabu über die Schulformfrage verhängen.

    Das ist ein bisschen verrückt. Das sieht man am besten am so genannten Lehrerverband. Sein Vorsitzender Josef Kraus wird nicht müde zu betonen, es gebe über Schulformen bei Pisa keinerlei Aussagen zu finden. Zugleich war er aber wahnsinnig stolz, als bei einem Vergleich der Schulformen (Pisa 2003 erweitert) sich das Gymnasium als klarer Sieger erwiesen hatte - seiner Ansicht nach.

    (Es gibt übrigens Pisaforscher wie Jürgen Baumert, die solche Vergleiche aus ethischen Gründen ablehnen. Sie argumentieren, dass es nicht fair ist, in einem nach Leistungen gegliederten Schulsystem die niedrigen Schulen Sonder- und Hauptschulen auch noch öffentlich bloßzustellen.)

    Die Vorsitzenden des Lehrer- und des Philologenverbandes, Josef Kraus und Heinz-Peter Meidinger, haben da wenig Skrupel. Sie fordern erstens die ethisch fragwürdigen Schulformvergleiche und sie zelebrieren zweitens die Schulformaussagen der Pisastudie.

    Die Frage ist: Wie erklärt sich diese Paradoxie? Einerseits benutzt man die Schulformvergleiche aus Pisa – und andererseits schwört man Stein und Bein, Pisa sage gar nichts über Schulformen.

    Die Antwort steht nicht in Pisa, sondern man findet sie in der Psychologie der Interessenvertreter. Kraus' und Meidingers Job ist es, ihre Gymnasien gegen Angriffe zu verteidigen. Wäre es möglich, aus Pisa eine schnelle schulpolitische Konsequenz zu ziehen, so müsste man sofort die Gymnasien abschaffen – weil sie ganz offensichtlich zur Sonderung der Schüler beitragen. Kraus und Meidinger sind dazu da genau das zu verhindern.

    (Zum Vergleich: Die Verfassung schreibt bei Privatschulen vor, dass diese ZU VERBIETEN SIND, wenn sie zur Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen ihrer Eltern führen. Die Gymnasien tun dies noch viel mehr - aber hier verbietet niemand die Gymnasien: Hier untersagt man, über die Gymnasien zu diskutieren.)

    Eine Demokratisierung des deutschen Schulwesens, das muss man dazu sagen, ist allerdings nur schrittweise möglich. Man kann eine historisch gewachsene Schulstruktur nicht über Nacht ändern, selbst wenn dies demokratisch geboten wäre. Besser ist es, behutsame Zwischenschritte zu machen. 

    Pisa ist praktisch eine Schulform-Aufklärungsstudie. Sie gibt uns detailliert Auskünfte über die trennenden Wirkungen der deutschen Schule. Sie verrät uns, dass es nicht etwa ein böser Zufall ist, sondern die Idee des Schulsystems, die Schüler in gute und schlechte zu teilen. Und zwar: nach Leistung und Herkunft.

    Gut, dass Pisa diese Aussage wissenschaftlich untermauert.

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