Studienrat kennt Schulgeschichte nicht
Pisa lesen - und nicht verstehen (wollen)
Am Freitag wurde bei den Grundschulgesprächen in Hamburg vereinbart, wissenschaftliche Untersuchungen zu Rate zu ziehen. So will man Beweise für die vier- oder die sechsjährige Grundschule hervorzaubern.
Der deutsche Philologenverband hat nun das stärkste Argument aus dem Hut gezogen: Die sechsjährige Grundschule erhöht die soziale Selektivität von Schule. Als Beweis führt Philologenchef Hans-Peter Meidinger das Land Brandenburg an.
Dort sei die sechsjährige Grundschule eingeführt worden - und, schwups, sofort sei das Land ans Ende der Gerechtigkeitstabelle gerutscht.
Eine putzige Argumentation, die der oberste Studienrat der Nation da ablässt - aus vielen Gründen.
Zunächst das Argument des Hans-Peter Meidinger im O-Ton:
"Ein Blick auf das einzige Bundesland, das in diesem Zeitraum eine verpflichtende sechsjährige Grundschule eingeführt hatte, Brandenburg, fördert Erstaunliches zutage. Nicht nur, dass sich in Brandenburg der Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Bildungserfolg (Steigung des sozialen Gradienten) im Berichtszeitraum 'signifikant' erhöht hat, auch in der Lesekompetenz konnte eine 'tendenzielle Zunahme der sozialen Unterschiede' festgestellt werden."
Pisaversteher sagt dazu dreierlei:
1) Ist Brandenburg allenfalls ein Superargument FÜR die sechsjährige Grundschule. Denn die Zuwächse beim Gymnasialbesuch sind nirgends so stark wie in Brandenburg. Das heißt, die sechsjährige Grundschule macht also einen Superjob.
2) Die sechsjährige Grundschule für den schlechten Sozialwert im Jahr 2006 verantwortlich zu machen, ist weder intelligent noch logisch. Denn im Jahr 2000 hatte Brandenburg einen Super-Gerechtigkeitswert - und auch damals gab es schon die sechsjährige Grundschule. Wieso sollte also die sechsjährige Grundschule 2006 plötzlich schuld sein, dass der Gerechtigkeitsfaktor absinkt?
(Hintergrund: Bei Pisa 2000 war die Chance eines Akademikerkindes in Brandenburg aufs Gymnasium DOPPELT SO HOCH wie die eines Arbeiterkindes. 2006 ist der Wert fast 5x so hoch. Beide Male übrigens bei gleichen Leistungen! >>> Pisa 2006)
3) ... zeigt Meidinger im Grunde nur, wie schlecht das Gymnasium ist - und besonders dessen Lehrer und Verbandsvertreter. Denn in Brandenburg gab es nur 2x in der Geschichte eine vierjährige Grundschule. 1919 - und 1990 für eine logische Sekunde. Denn in Brandenburg wurde DIREKT NACH DER WENDE die sechsjährige Grundschule eingeführt; vorher gab es die POS, die von Klasse eins bis nach oben wuchs. Mit anderen Worten: Entweder schwindelt Mister Gymnasium die Menschen an, wenn er behaupptet, dass Brandenburg "das einzige Bundesland ist, das in diesem Zeitraum eine verpflichtende sechsjährige Grundschule eingeführt hatte". Oder er hat einfache keine Ahnung von Geschichte. In beiden Fällen ist es oberpeinlich.
Für was argumentiert Meidinger eigentlich?
Für die Abschaffung des Gymnasiums!
- 1 Kommentare


Hmmm... ein kleiner Rundumschlag :-)
Ich bin ehrlich gesagt ein wenig überrascht von der Schärfe der Diskussionen in diesem Blog - und gerade Ihre Artikel und Kommentare, lieber pisa-versteher, finde ich bisweilen ein wenig danebengehauen (der Ton macht die Musik).
Ich bin zwar noch Lehramtsstudent (und also - hoffentlich - in der Zukunft Lehrer), aber da fühle ich mich jetzt schon fast selber angegriffen...
Konkret zu diesem Artikel: Sie wenden eine ähnliche Desavouierungsstrategie an wie einst Gerhard Schröder, als er Paul Kirchhof als "diesen Professor aus Heidelberg" abkanzelte - und damit bildungsfeindliche Ressentiments weckte: "der oberste Studienrat der Nation".
In der ZEIT war kürzlich ein Artikel zu diesem Phänomen, den ich momentan leider nicht mehr finde.
Auch das folgende Zitat aus einem anderen Beitrag Ihres Blogs passt da ins Bild. Den finde ich genauso despektierlich:
"aber kein problem: die sortiermaschine demografie wird uns von dieser sorte lehrer bald befreien - 467.000 lehrer alter schule sagen good bye bis 2020. puuh!"
Tschuldigung, aber einen Kommentar kann ich mir (obwohl ich NICHT Germanistik studiere) übrigens auch nicht verkneifen: gerade als Journalist wäre es vielleicht ganz gut, insgesamt gesehen ein bisschen auf die Rechtschreibung zu achten... :-)