31.01.2010
23:33

WatchBlog LernWächter

Die Korrektur

Das erste WatchBlog hat rege Aufmerksamkeit hervorgerufen. Martensteins Fan dete hat einen Kommentar auf sein Weblog subtexte geschrieben. (Leider zensiert dete einen kommentar von pisaversteher dazu, daher dokumentiere ich ihn unten dieser Seite.) Unten stehen ebenfalls Kommentare von Lehrern, die - ihrem Kollegen beispringen. Prima.

Besonders wichtig: Warum schwören Lehrer keinen Eid, jedes Kind zu bestmöglich zu fördern und keines zurück zu lassen? (Siehe Anmerkung)

Wie muss man sich fühlen, wenn man eine Arbeit mit dieser Bemerkung zurückbekommt? 

„Der Hauptteil ist noch nicht gelungen. Hier gibst du nicht nur unwesentliche, sondern auch falsche Inhalte wieder. Es wird deutlich, dass du die Zusammenhänge des Vorfalles nicht erkennst und auch nicht folgerichtig darstellen kannst. Auch glückt s dir nicht, die Zusammenhänge durch Adverbialsätze oder Adverbien in eine logische Reihenfolge zu bringen. Der Schluss muss ebenso Verbesssert werden (...) Achte auch auf die äußere Form der Arbeit."

Das sind die Kommentare eines Lehrers zur Arbeit eines jungen Gymnasiasten. pisaversteher erspart es sich, weitere Passagen zu veröffentlichen. Es findet sich in der Arbeit und seinen Korrekturen keine einzige aufmunternde oder positive Bermerkung - übrigens auch nicht mündlich. Diese Korrektur atmet den Geist des "Du-gehörst-hier-nicht-her!"

Solche übellaunigen, zerstörerischen und beschämenden Korrekturen gibt es täglich Tausendfach in Deutschland. Und es wird Zeit, dass Kinder und Eltern damit nicht mehr allein bleiben.

Daher richtet Pisaversteher ein WatchBlog LernWächter ein. Er soll Korrekturen öffentlich machen, er soll das Fehlverhalten an Schulen aufzeigen, die Auslese vor Förderung, die Beschämung vor Stärkung setzen.

Das WatchBlog wird aber nicht nur Lehrer beobachten, sondern auch Eltern(verbände) und Minister. Weil es nicht mehr sein kann, dass die kleinen und großen Gemeinheiten unbeobachtet bleiben.

Etwa wenn der Berliner Landeselternausschuss einen Runden Tisch zu "Schulhelfern" organisiert - und die wichtigste Berliner NGO auf diesem Gebiet, das "Netzwerk Förderkinder" mit fiesen Tricks davon ausschließt. Sortieren statt Fördern - das gilt auch hier.

Oder wenn die Edelfeder Martenstein schreibt: „Bildung ist für zehn oder fünfzehn Prozent der Bevölkerung objektiv wertlos geworden.

"Kein Kind bleibt zurück", dieser Grundsatz ist auch dann verletzt, wenn der neue Präsident der Kultusminister, Ludwig Spaenle (CSU), die Hauptschule zu einem "niederschwelligen pädagogischen Angebot besonders für Migranten" erklärt

Wer bei dem LernWächter mitmachen will, der schreibt einen Kommentar mit einem Hinweis hier rein. Oder eine mail an lernwaechter(at)email.de

anmerkung: inzwischen gibt es einige kommentare, die alle in die gleiche richtung gehen - man kann den fall (oben) ohne die unterrichtssituation nicht wirklich decodieren. tja, mehr können wir nicht verraten - sonst ist der schüler gefährdet, denn man könnte ihn identifizieren.

ich kann nur soviel sagen: vor der probe wurde systematisch druck aufgebaut und die negative beurteilung wurde mündlich keineswegs aufgefangen. das ist ja die kritik - die sortieranstalt schule wirkt bis in die kleinste unterrichtssituation hinein.

ich finde zwei bemerkungen aufschlussreich, die im laufe des tages bei mir eingingen:

Wenn du unter eine schlechte Klausur (5 oder 6, für manche auch schon 3 oder 4) einen positiven Kommentar schreibst, könnte ja jemand auf die Idee kommen, deine Note anhand dieser Bemerkung in Frage stellen. Das bedeutet Zeitaufwand, Diskussionen evtl Ärger mit der Schulleitung oder weiteren Behörden. Darum korrigieren manche bestimmt lieber "eindeutig". Traurig, ist aber leider so.

So schreibt ein lehrer, und es zeigt, dass nicht die pädagogen das probelm sind, sondern ein schulsystem, das sie zwingt, gegen ihren pädagogischen eid* zu verstoßen und nach den schwächen eines kindes zu fahnden, anstatt seine stärken zu stärken.

Dass das insgesamt natürlich nicht im Geringsten motivierend ist - keine Frage. Dass Lehrer das gerne anders machen würden - auch keine Frage. Aber sie müssen, so sind die Vorgaben. 

... lautet ein anderer kommentar. das, ich muss es zugeben, macht einen sprachlos. hier stehe ich und kann nicht anders - also demotiviere ich.

Anmerkung 2 - Kommentar auf detlefteichs subtexte, der aber von dete leider nicht zugelassen wird:

pisaversteher_ der einwand ist nur scheinbar berechtigt. natürlich kann man die umgebende situation des falles nicht schildern, weil sie eine identifierung des schülers zuliesse und unweigerlich zu seiner relegation führen würde. die schule ist in weiten teilen eine schülererniedrigungsanstalt - gerade im gymnasium für jene, die nicht ins ideal der studienräte passen. es gibt solche lehrer heute noch, die aufsätze öffentlich beklatschen, in denen ein antidemokratisches bild von schule verherrlicht wird: bildung sei für 20 prozent der bevölkerung objektiv wertlos (martenstein). ein solcher satz ist mit der aufklärung nicht zu vereinen; deutschlehrer, die auch gegenüber dritten immer ihren rotstift bereit halten, können sich freilich in der verfassung nicht so gut auskennen. aber kein problem: die sortiermaschine demografie wird uns von dieser sorte lehrer bald befreien - 467.000 lehrer alter schule sagen good bye bis 2020. puuh!

--

*ein kommentar (s.u.) stellt fest, dass lehrer keinen eid für die gute erziehung der kinder leisten, sondern auf den staat schwören. vielleicht liegt es daran: lehrer fühlen sich nicht dafür verantwortlich, wie hartmut von hentig schreibt:

- die Eigenheit eines jeden Kindes zu achten und gegen jedermann zu verteidigen,
- für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen,
- zu allem, was ich seiner Person antue, seine Zustimmung zu suchen, wie ich es bei einem Erwachsenen täte,
- das Gesetz seiner Entwicklung, soweit es erkennbar ist, zum Guten auszulegen und dem Kind zu ermöglichen, dieses Gesetz anzunehmen,
- seine Anlagen herauszufordern und zu fördern (...)

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Kai
01.02.2010
Sehe ich anders

Ich teile meistens deine Ansichten, aber hier möchte ich als Deutschlehrer widersprechen. Der Kommentar ist sachlich und geht, das vermute ich mal, auf die im Unterricht eingeübten Aspekte ein. Natürlich kann man die sachliche Formulierung als zu kalt empfinden. Wenn der Lehrer ansonsten aber ein herzliches und unterstützendes Verhältnis zu seinen Schülern hat, finde ich den Kommentar unter der Klausur nicht verkehrt. Es läge nun eben am Lehrer, dem Schüler Angebote zu machen, damit er beim nächsten Mal besser mit der Aufgabe zurechtkommt. "Du-gehörst-hier-nicht-her!" lese ich nicht aus dem Kommentar.

Hannes
01.02.2010
Naja

Ich bin durchaus auch der Meinung, dass ein Lehrer bei Bedarf positives Feedback geben sollte. Ich unterstelle jetzt aber mal, ohne die Arbeit wirklich zu kennen, dass o.g. Lehrer mit seine Äußerungen grundsätzlich Recht hat. Wäre es da wirklich im Sinne des Schülers, die Kritik hinter weichgespülten schönfärberischen Konstrukten zu verstecken? Wie sollten die dann aussehen - so wie die unsäglichen Abschlusszeugnisbemerkungen, die auch nie negativ klingen sollen und dürfen ("Hans gelingt es mitunter die passenden Formulierungen zu finden")?! Kritik, wenn sie sachlich richtig ist, sollte auch bei Schülern erlaubt sein.

apricot
01.02.2010
vorschnelles Urteil

Macht nicht allein den Lehrer dafür verantwortlich. Wenn er eine "5" geben muss (oder war es gar eine "6"?), muss diese Note sich in der verbalen Beurteilung widerspiegeln, bzw. daraus hervorgehen. Bei einer "5" darf also so gut wie nichts Positives stehen. Zudem wurden bei einer "5" von dem Schüler so gut wie keine Kritieren erfüllt, die Fülle der negativen Beurteilungen ergibt sich daher, dass die Erfüllung bzw. Nichterfüllung jedes Kriteriums einzeln dargestellt werden muss. Dass das insgesamt natürlich nicht im Geringsten motivierend ist - keine Frage. Dass Lehrer das gerne anders machen würden - auch keine Frage. Aber sie müssen, so sind die Vorgaben.

apricot
01.02.2010
Staatsdiener

...vielleicht sollte man auch noch sagen, dass der Lehrer ja keinen pädagogischen Eid schwört (schwören darf?), sondern eben "Staatsdiener" wird.

apricot
02.02.2010
doch

"...lehrer fühlen sich nicht dafür verantwortlich,...."

Ich erlebe, dass viele Lehrer sich sehr wohl für das Kindeswohl verantwortlich fühlen. Nicht wenige verzweifeln aber geradezu darüber, dass es Ihnen in diesem System kaum möglich ist und sie geradezu genötigt werden dem entgegen zu handeln.
(P.S. Hentigs Eid ist wunderschön, ich habe ihn im Klassenzimmer)

Max Woodtli
02.02.2010
Lernen mit Zukunft

Selbstverständlich kann man aus diesem Feedback, auch wenn man den genaueren Kontext nicht kennt, ableiten, dass hier eine ausschliessliche Defizitorientierung seitens der Lehrperson vorherrscht. Die Alternative lautet jedoch nicht: Leistungen einfach mit beschönigenden Worten zu bewerten und Lobhudelei zu betreiben. Viel mehr geht es darum, anders zu bewerten, oder mehr förderorientiert zu coachen:

Lösungs- und Ressourcenorientierung wäre eine Möglichkeit, so dass die Motivation, sich zu verbessern beim Lernenden gestärkt und nicht vermindert wird. Was soll ein Schüler, eine Schülerin mit der obigen Bewertung anfangen? Stärkt eine solche Bewertung die Zuversicht, die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, dass man es das nächste Mal besser machen will?

Ich lade Sie zu einem kleinen Experiment ein:

Versetzen Sie sich einmal in die Situation des Lernenden und stellen Sie sich vor, SIE würden dieses Feedback erhalten. Oder stellen Sie sich vor, Sie kriegen ein solches, rein defizitorientiertes Feedback zu Ihrer pädagogischen Arbeit von Ihrer Schulleitung, Ihrem Vorgesetzten. Wie fühlen Sie sich dabei? Wären Sie genug motiviert in Ihrer pädagogischen Arbeit etwas zu verbessern?

Anders bewerten könnte z.B. heissen, dass die LP, statt sich nur auf Defizite zu fokussieren, Unterschiede erzeugt, die für den oder die Lernende/n einen Unterschied ausmachen. Dass die Lehrperson sich zusammen mit der/dem Lernende/n auch auf Ressourcen, auf Positives, auf Dinge, die schon funktionieren, auf Stärken und Fähigkeiten fokussiert:

Somit könnte ein Lerncoaching-Gespräch dann z.B. auch so tönen:

Lehrperson: "Auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 10 bedeutet, dass alle Aspekte dieser Arbeit vollumfänglich gelungen sind und 1 bedeuten würde, nichts aber auch gar nichts ist gelungen. Was denkst du, welche Punkte sind dir bis jetzt in dieser Arbeit eher gelungen und welche etwas weniger?"

"Was macht den positiven Unterschied aus bezüglich der Punkte, die auf der Skala weiter oben (Richtung 10) liegen gegenüber den Punkten, die weiter unten (Richtung 1) liegen? Gab es auch schon Arbeiten wo du die "Zusammenhänge des Vorfalles" besser erkennen und folgerichtiger darstellen konntest? Wie hast du das damals hingekriegt? Was lief damals anders? Wer hat dich wie unterstützt dabei? Was könntest du aus dieser Erfahrung für die jetzige Arbeit übernehmen?

"Was könntest du konkret tun, dass auch diejenigen Punkte, die im Moment noch nicht den Kriterien entsprechen, das nächste Mal eher unseren definierten Kriterien entsprechen würden? Was wären erste Schritte einer spürbaren Verbesserung? Woran würdest du zuerst erkennen, dass dieser und jener Punkt dir schon ein klein wenig besser gelingt?"

"Wie zuversichtlich bist du, dass du diese Schritte, die du dir jetzt vorgenommen hast auch umsetzen wirst? Und wie könnte ich dir dazu jetzt noch hilfreich sein?


Ja, und wie fühlt sich das an im Unterschied zu einer rein defizitorientierten Bewertung?



Max Woodtli
Berufsschullehrer, Dozent für Berufspädagogik und LernCoach-Ausbilder

Maik Riecken
02.02.2010
Das System?

"es Ihnen in diesem System kaum möglich ist und sie geradezu genötigt werden dem entgegen zu handeln."

Diese Art der Korrekturvorschrift hat nichts mit dem System Schule zu tun. Das System reagiert in diesem Fall lediglich auf äußere Einflüsse und zwar so, dass es möglichst kostenneutral ist.
Warum muss den "justiziabel" korrigiert werden? Weil es unzählige gerichtliche Klagen gab, die "das System" verloren hat - und das soll heute immer noch vorkommen. Diese Klagen hat aber mitnichten "das System" geführt.
Dass das "System" an anderer Stelle natürlich den verantwortungsvollen Umgang mit dem Kindeswohl unmöglich macht, bleibt davon unberührt.

apricot
02.02.2010
ursächlich

@Maik Riecken
"...hat nichts mit dem System Schule zu tun.."

Nun, die Klagen werden aber geführt, weil das System so ist wie es ist. Es selektiert nach einem äußerst fragwürdigem Verständnis von Leistung, die zudem noch äußerst fragwürdig gemessen wird.

Maik Riecken
03.02.2010
Die Argumente ändern sich nicht

Es heißt nicht, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Es heißt aber, dass eine Lehrerfortbildung etabliert werden muss, die genau die von dir skizzierten kleinen Schritte anhand praktischer Beispiele (also konkretes Handeln) exemplarisch aufzeigt (das konkrete Haneln wird immer von der Persönlichkeit der LP abhängen) , die alltagskompatibel sind. Meine Erfahrung sieht z.Zt. so aus, dass z.B. kompetenzorientierte Konzepte "erlassenen" werden - auf Nachfrage nach Umsetzungsmöglichkeiten dann aber oft genug der Satz fällt: "Die Umsetzung ist ihre Aufgabe". Da gibt es kein Coaching.
Haltung ist eine Sache von Persönlichkeit und Persönlichkeitsschulung. Ich bin - wahrscheinlich genau wie du - überzeugt davon, dass im Kümmern um die Lehrerpersönlichkeit einer der wesentlichen Schlüssel für Veränderung von Schule liegt. Ich sehe ein eklatantes Missverhältnis in Bezug auf das Kümmern: Ansprüche an Schule, Ansprüche an LP sind gern formuliert und öffentlichkeitsgängig. Du hast in deinem Beitrag ja auch zunächst einen möglichen Anspruch formuliert. Eine kleine Frage sollte für mich dabei aber immer mitschwingen: Welche Unterstützungsangebote geben wir den Lehrpersonen? Nichts ist komplizierter als die Wahrnehmung. 300 LP sind ein guter Anfang.

dete
03.02.2010
Weder Zensur noch Benotung

Lieber Pisa-Versteher,
es ist mitnichten so, dass ich Ihre Kommentare "zensiere", daher bin ich auch überrascht, derartiges hier zu lesen. Auch wenn ich nicht weiß, welchen "Blumen" Sie mir überreichen möchten: aber so viel Sportsgeist habe ich schon, dass Kommentare nicht zensiert werden :-)
Bisher ist leider kein Kommentar "eingegangen" -- welche technischen Bedingtheiten dafür zuständig sind, entzieht sich meiner Kenntnis: Einstellungen wurden von mir noch mal überprüft und garantieren momentan eigentlich größte Offenheit, da noch nicht mal moderiert. Würde mich daher freuen, wenn zumindest die Unterstellung ggf. korrigiert wird.

dete
03.02.2010
..

Ich habe erst jetzt Ihren Kommentar hier entdeckt und Ihnen die Arbeit des Kopierens abgenommen (kopieren kann man ja als Lehrer), so dass er dort zu lesen ist, wo er hingehört -- übrigens wüsste ich auch nicht, was daran überhaupt zu zensieren wäre ...

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